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Am Anfang war eine Motte

Beim Reparieren von Textilien denken wir selten daran, dass andere Lebewesen - in diesem Fall Motten - den Ausschlag für unsere Reparaturarbeiten geben könnten. Vielmehr sprechen wir von einem "Loch" oder einer "Abnützung", die uns dazu bewegen, den Lieblingspulli oder -mantel auszubessern / flicken.

In meinem Fall war es ganz offensichtlich eine Motte; nachdem ich den schönen, neuen Mantel ein paar Mal getragen hatte und ihn einmal, wie gewohnt, mit der Innenseite nach aussen faltete, fiel mir eine ausgefressene Stelle am Rücken auf. Zunächst habe ich mich ordentlich geärgert, denn offensichtlich ist der Mantel aus dem Geschäft so gekommen und ich bemerkte es einfach zu spät (wer kontrolliert schon die Innenseiten seiner Kleidungsstücke?). Nach einer Weile begann ich mich damit abzufinden und integrierte das Loch allmählich in meine Reparatur-Planung. Für mich war es von Anfang an klar, dass ich die betreffende Stelle besticken werde und auf die Mottenspur von Innen ein Stoffstück annähen werde. Dieser wird dann von der rechten Seite in die Stickerei eingearbeitet.

Es war keine einfache Aufgabe, ein geeignetes (was auch immer das heissen will) Motiv zu finden. Nach langen Hin und Her fiel meine Wahl auf ein Gemälde von Vincent van Gogh, auf dem ein Skeleton mit rauchender Zigarette abgebildet ist. Es gäbe bestimmt einfachere Motive, ich weiss, aber ich mag dieses Bild sehr, zumal es sich gut in eine Zeichnung übertragen lässt und ich es bereits mehrmals gestickt habe (Bild 1, ein Sommerkleid). Auch scheint es mir, dass die Thematik des Ablebens gut zum besagten Loch und Zersetzungsprozess passt. Darüber hinaus kann sich das Motiv auf dem Mantelrücken schön entfalten und stets ausgebaut werden, sollten noch weitere Motten an meinem Kleidungsstück gefallen finden. Um die Komposition etwas aufzufrischen, werde ich später bunte Tulpen und das Skelett herum platzieren. Diese möchte ich abwechslungsweise mit der rechte oder der linken Seite nach aussen sticken, so dass sie inhaltlich zum Skelett passen. Eventuell werde ich auch die Stickfäden heraushängen lassen.



Soweit die Theorie. Die technische Umsetzung stellte mich vor praktische Schwierigkeiten, es ist ja nicht ohne weiteres Möglich, auf einem weichen Wollmantel feine Linien zu zeichnen. Und ich brauche viele feine Linien bei meinem Motiv. Also habe ich das Skelett zunächst auf eine Papierserviette übertragen und durch diese habe ich dann auf dem Mantel gestickt. Dies ist wahrscheinlich der einfachste Weg, einen komplexen Motiv auf einen weichen Stoff zu übertragen. Allerdings war dieser Prozess etwas langwierig und mühsam, da ich stets drauf achten musste, dass sich die Serviette nicht verschiebt und ja nicht reisst. Glücklicherweise ist der Mantel noch dünn genug, um durch den Stickrahmen zu passen (Bild 2).



Für die ersten Linien habe ich den etwas aufwendigen, aber präzisen Rückstich (back stitch) gewählt. Im zweiten Durchlauf ersetzte ich diesen mit dem Kettenstich, der sich schön von der flauschigen Oberfläche abhebt. Wahrscheinlich werde ich das Skelett nicht ganz ausfüllen, sondern mit den verschiedenen Texturen (weich, glänzig etc.) arbeiten.

Auf meinem Instagram @arbeitandermasche werde ich euch fortlaufend über meine Arbeitsvortschritte informieren und später auch einen weiteren Blogbeitrag dazu verfassen.




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