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Das Gewebe, in das wir unser Leben verstricken

In einem Artikel der NY Times wurden mal die gesundheitlichen Auswirkungen des Strickens mit jenen der Meditation verglichen. Bereits ein paar Minuten Stricken pro Tag fördern Entspannung und bauen Stress ab, so die Erkenntnisse. Das Interessante dabei ist, dass wir ja eigentlich etwas mit unseren Händen tun und keine Bewusstseinsentspannung suchen, wie z.B. bei einer Meditation. Bereits als Kind mochte ich das leise, regelmässige Klirren der Stricknadeln (meine Schwester besass mehrere Aluminium-Modelle in grellen Farben). Heute benütze ich Karbon-Stricknadeln mit Edelstahlspitzen und austauschbaren Kabeln in verschiedenen Längen.

Da sich im Laufe der Jahre bei mir viel DK Wolle (200m/100g) angesammelt hat, beschloss ich, die ganze Schönheit in ein Kleid umzuwandeln. Pullis mag ich zwar gut, aber davon habe ich bereits ein paar Exemplare. Doch ein gestricktes Kleid fehlt noch in meiner Garderobe. Ich habe ein sehr simples Design von Stephen West gewählt, es heisst Askewsmedress (Instagram #askewsmedress) und kann entweder als Pulli oder eben lang als ein Kleid gestrickt werden. Mein Exemplar ist sehr bunt, da ich alle Wollreste aus meinen Vorräten endlich loswerden wollte. Obwohl eher assoziativ gewählt, spielen die Farben dennoch schön zusammen und es ist ein bequemes Hauskleid entstanden, dass ich vielleicht sogar auch sonst tragen werde. Wenn es dann mal in Zukunft die Gelegenheit dazu geben sollte.



Hat frau die Brioche-Methode ein bisschen im Griff, dann geht die Arbeit wie von selbst voran. Die Farbreste fügen sich schön ineinander und bilden je nach Farbton fast schon fliessende Übergänge, die mal an eine Landschaft, mal an eine Blumenwiese erinnern. Das Kleid ist ausgesprochen minimalistisch; einzig eine Maschenzunahme, die sich durch die vordere Mitte zieht, verleiht dem Schnitt seine charakteristische A-Form, der Volant ist leicht asymmetrisch und vorne etwas länger. Da das Muster das Denken nicht beansprucht, ähnelt die Arbeit am Gewebe fast schon einer Meditation. Ein Faden will mit sich selber verstrickt werden und bildet einen farbigen, warmen Tunnel, in den ich später, fast wie eine Raupe hineinschlüpfen kann. Genau diese Metapher bewegte mich dazu, mir noch ein leichteres Sommer-Exemplar aus buntem Mohair zu stricken. Hier arbeite ich mit einem Farbkonzept, und zwar reihe ich immer abwechslungsweise helle und dunklere Streifen aufeinander. Manchmal stricke ich pro Tag einen Farbstreifen, dann wieder etwas weniger. Der gleichmässige Rhythmus beruhig das Herz und Kopf, und das Gewebe, das unter meinen Händen wächst, lässt viel Raum für Farbspiel und Interpretation. Die ruhige Art und Weise, wie die Farben zusammenspielen, lässt das Auge von Grün, über Blau zu Orange gleiten und jede der Farben wäre nicht dieselbe, wenn da ein anderer Farbton daneben liegen würde. Jemand anders würde die Farbpalette bestimmt auf eine andere Art kombinieren und das Kleid würde einen ganz unterschiedlichen Charakter erhalten. Das gestrickte Gewebe ist so viel mehr als nur die äussere Form und Erscheinung.



Und dann ist hier noch die Ähnlichkeit mit dem Leben selber. Die Philosophin Hannah Arendt vergleicht ein textiles Gewebe mit einem unsichtbaren Netz menschlicher Angelegenheiten, in das wir hineingeboren werden und das wir später wieder (bei unserem Tod) verlassen. Der Weg, den der Faden zurücklegt und das Muster, das dabei entsteht, bleiben weiterhin bestehen und sind oft für die neuen Fäden (da Menschen), die in das Gewebe eintreten, wegweisend. Und plötzlich taucht die Frage auf; welche Ähnlichkeit (sofern eine besteht) hat das Gewebe, das ich hervorbringe, mit der Art und Weise, wie ich lebe? Im Leben hinterlassen wir doch auch Spuren, nehmen mal eine, mal andere Farbe an, werden kleiner oder grösser, jünger oder älter usw. Im Moment entspricht mir die Brioche-Technik sehr, es ist, als ob der Faden ein einem Solotanz quer durch die Luftmaschen gleitet. Zunächst muss er aber das Gewebe, das ihn hält, hervorbringen. Und obwohl sich beim Stricken meine Bewegungen tausendfach wiederholen, gleicht keine Masche der anderen, jede ist ein für sich stehendes Unikat, das aber - um überhaupt ein Gewebe bilden zu können - anderen Maschen ähnlich sein muss. So verhält es sich laut Arendt auch mit Menschen; jeder einzelner ist eine Persönlichkeit, die aber viele Gemeinsamkeiten mit anderen teilt, sei es Sprache oder sonstige Tätigkeiten. Tja, es liesse sich noch lange darüber sinnieren, für was alles das Stricken steht. So viel also zur Philosophie des Strickens, ich lasse euch jetzt mal vielleicht ein paar Maschen anschlagen und selber entdecken, in welche Richtung euch der Faden nimmt.

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