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Das Leben - Eine Geschichte ohne Anfang und Ende

Wann haben Sie zuletzt über das eigene Leben nachgedacht? Die Antwort würde wohl „heute“, „vor kurzem“ oder so ähnlich lauten, schliesslich betrifft geradezu alles, was wir denken und tun, das eigene Leben. Meine Frage ist jedoch ein bisschen anders gemeint, es geht mir nämlich um das Leben als Ganzes, genauer gesagt um seinen Anfang und sein Ende. Lassen Sie es mich kurz erklären.

Unser Leben beginnt lange bevor wir das Licht der Welt erblicken, so viel steht fest. Den Anfang unserer Lebensgeschichte machen andere, nämlich unsere Eltern. Nur vom Hörensagen wissen wir, dass wir dann und wann geboren wurden, denn an den genauen Hergang dieses Ereignisses können wir uns nicht erinnern. Auf vieles, was in unserem frühen Leben passiert, haben wir keinen Einfluss, wir sind ganz unseren Mitmenschen ausgeliefert. Sobald wir auf den eigenen Beinen torkeln können, ringen wir darum, die Kontrolle über das künftige Geschehen in die eigenen Hände zu kriegen. Halb Kinder, halb Erwachsene emanzipieren wir uns von denen, die uns hervorgebracht haben. Aus der kurzen Vergangenheit, die hinter uns liegt, schöpfen wir Hoffnung für die gesamte Zukunft, die vor uns liegt. Der Mensch ist nicht nur ein vernunftbegabtes, sondern vor allem ein träumendes Wesen.

Aber nicht nur die frühe Kindheit, sondern auch der letzte Lebensabschnitt, der sich gewöhnlich im Alter abspielt, entzieht sich unserer Kontrolle. Der eigenen Handlungsfähigkeit beraubt, mit schwächelndem Körper und Geist verbringen wir die letzte Etappe unseres Lebens in Obhut anderer. Auf diese Weise schliesst sich das Kreis und es ist ein bisschen als ob der Mensch in seine ursprüngliche Gestalt eines wehrlosen Neulings zurückkehren würde. Ist das physische Leben zu Ende, geht die eigene Lebensgeschichte oftmals noch weiter, zumal wir physische Spuren und soziale Verbindungen hinterlassen, die erst im Laufe der Zeit verblassen. Der Tod eines Menschen ist für uns etwas Abschliessendes, Absolutes, eine Art trauriges, schwarzes Loch, in das wir nicht hineinsehen. Das slavische Wort ‚smrt‘ (dt. Tod) hat für mich diese Bedeutung gehabt. Eines Tages habe ich herausgefunden, dass es aus dem Sanskrit stammt, wo 'smrt-i' noch etwas anderes bedeutet, es heisst nämlich ‚Erinnerung‘. Und seither denke ich, dass der Tod eigentlich nicht (nur) das dunkle Ende ist, denn wer tot ist, der wird zur Erinnerung, die in uns weiterlebt.

Wie liesse sich nach all dem Geschriebenen das eigene Leben in Worte fassen? Ist es ein Weg, im Verlauf dessen ein Traum zur Erinnerung wird? Oder ist es das, was übrig bleibt, wenn wir aus eigenem Willen handeln (sofern so was möglich ist)? Es lässt sich nicht abchliessend sagen, geschweige denn begreifen. Vielleicht geht es auch nicht immer um die eigene Geschichte, sondern darum, welche Geschichten wir durch unsere Handlungen ins Leben rufen.



Diese und ähnliche Gedanken gehen mir durch den Kopf, wenn ich die Bilder und Gegenstände aus meiner Kindheit in den Händen halte oder mich ans sie erinnere. Zum Beispiel ein kleiner Teddybär (Made in China), den mir zur Geburt die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei schenkte. Ich habe nie mit ihm gespielt, irgendwie spürte ich es bereits als Kind, dass dies kein Spielzeug, sondern ein politisches Symbol ist. Auch deshalb hat vielleicht das sonderbare Teddybärchen meine Kindheit ohne grössere Schaden überstanden, und den Übergang in die Demokratie, der 1989 erfolgte, erlebt. Heute hat es einen schönen Platz in meinem Arbeitszimmer und neulich beschloss ich sogar, es in eine Stickerei zu übertragen.

Bildstrecke: Figur Bärchen, gestickt im Tagebuch

Buchtipp: Adriana Cavarero, Relating Narratives (2010). https://de.wikipedia.org/wiki/Adriana_Cavarero


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