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Gibt es beim Sticken richtig und falsch?

Aktualisiert: 13. Mai

Auf diese Frage gibt mindestens zwei Antworten: ja und nein. Betrachten wir das Sticken als eine in sich abgeschlossene Technik, die - je nach Stil - ihre Perfektion erreicht hat, dann spricht einiges für ein ‚ja‘. Allerdings - und dies ist ein typischer Merkmal jeder menschlichen Tätigkeit - gibt es sehr selten etwas gänzlich Vollendetes, das keinerlei Verbesserung bedürfte. Denn etweder verändern sich die klimatischen Bedingungen, Werkzeuge, Materialien oder sogar die menschliche Anatomie. Und schon gerät die ganze Perfektion aus dem Gleichgewicht. Ausserdem gibt es mindestens einen Punkt, der uns zu denken geben sollte: für wen war die perfekte Stickerei gedacht? Für die Stickenden selbst oder für die kaufkräftige Kundschaft? Und was war der Preis für die sogenannte Perfektion? Vielleicht überstrapazierte Schultern und Rücken, mit dem Alter allmählich abnehmende Sehkraft etc. Dies sind nicht zu unterschätzende Nebenwirkungen einer nach aussen als perfekt erscheinenden Arbeit. Eine Perfektion im Handwerk umfasst für mich auch die Arbeitsbedingungen und allgemeines Wohlsein bei der Arbeit. Ganz allgemein sind Genuss und Freude am Handwerk oft zu kurz gekommen, ausser es wurde gänzlich nach Lust und Laune gestickt, wie etwa in den oberen sozialen Schichten. In diesem Sinne ist ein ‚richtig‘ immer im Kontext seiner Zeit zu verstehen. Abgesehen davon gibt es so etwas wie ‚die richtige Stickerei‘ eigentlich nicht. Denn in England wurde anders gestickt als in Deutschland oder in den südlichen Ländern. Das, was an einem Ort als Mass der Dinge galt, war woanders schlicht falsch oder zumindest nicht korrekt. Auch deshalb sind die bekannten Techniken auf bestimmte Regionen und Zeitperioden beschränkt.


Dies führt uns zum nächsten Punkt: Das Handwerk ist immer an die Menschen gebunden, die es ausüben, es existiert, ähnlich wie die menschlichen Sprachen, nur im Gebrauch, wenn es - oft ortsgebunden - lebendig ist. Und lebendig zu sein bedeutet nun mal, sich fortlaufen zu verändern und weiterzuentwickeln. Auch wir sind nicht mehr dieselben wie gestern oder letzes Jahr, warum sollte das Handwerk vom Fluss des Lebens verschont bleiben? Die Entwicklung in der Chirurgie bietet ein anschauliches Beispiel. Der menschliche Körper war bis ins 16 Jahrhundert weitgehend unerforscht, selten wurde er geöffnet und wenn, dann mit eher groben und für heutige Verhältnisse sehr stumpfen und unsauberen Instrumenten wie etwa Küchenmesser. Es war üblich, dass die bekannten Chirurgen die von ihnen verwendeten Instrumente in ihren Publikationen abbildeten. Nicht etwa aus Eitelkeit, sondern vielmehr als eine Anleitung, damit diese auch anderorts von Schmieden hergestellt werden können. Das heisst, die Entwicklung der Chirurgie selbst schritt rascher voran als die der benötigten Instrumente. Letztendlich dienen diese nur dem Zweck einer möglichst präzisen Operation. Kaum jemand würde heute mit Techniken und Instrumenten aus früheren Jahrhunderten operieren, nur weil dies richtig war. Eben, war, ist es aber nicht mehr, weil wir dazugelernt haben. Im Laufe der Zeit, als die Handgriffe immer feiner wurden, verfeinerten sich auch die Instrumente. Heutige Skalpels sind so leicht und scharf, wie keine Instrumente zuvor. 



Was bleibt also vom Handwerk, wenn sich fast alles verändert? Es sind eben die leitenden Prinzipien und Fragen, die ein Handwerk im Laufe der Zeit formen, und ausgehend von diesen werden die Materialien und Handgriffe angepasst, sowie Werkzeuge verfeinert. Die Parameter sind vielfältig: beginnend bei klimatischen Bedingugen über wirtschaftliche Aspekte und Material bis hin zu den Menschen, die ein Handwerk ausüben. Dies alles bestimmt, wie ein Handgriff auszuführen ist, ob schnell oder langsam, ob heiter oder ängstlich gearbeitet wird und so weiter. Und somit wären wir bei der zweiten Antwort auf die obige Frage. In diesem Sinne gibt es kein falsch beim Sticken, würde ich behaupten. Wir sticken ja für uns, aus reiner Lust am Material, Farben und Formen. Die Vielfalt an Inputs, die uns zur Verfügung steht, ruft nach technischer Kreativität und Experiment. Es kommt einzig darauf an, wo unsere Prioritäten liegen: bevorzuge ich eine historische oder klassische Technik? Möchte ich meine Stickerei möglichst lange tragen, dann sollte ich es eben richtig im sinne von klassisch machen, so, dass die Fäden gut halten. Ist es hingegen ein experimentelles Stück (ein Sommerkleid, ein Kaschmirschal o.ä.), kann ich verspielter arbeiten und meine eigenen Ideen umsetzen. Oder ist es ein Bild, dass an der Wand hängt? Dann kann ich sogar mit Papier oder Pflanzenteilen experimentieren und neue Stiche erfinden, welche die Betrachtung bereichern und die richtige Technik auf den Kopf stellen. Ob hier noch die Rede vom Sticken oder vielmehr von einer Fadenarbeit sein sollte, das ist eine andere Frage. 


Es war mir wichtig dies klarzustellen, denn in meinen Kursen werde ich oft (eigentlich andauernd) gefragt, ob es denn die richtige Stickerei gibt und ob es notwendig ist, weiterhin nach diesen oder jenen Regeln zu sticken. Es ist weder sinnvoll noch notwendig etwas zu wiederholen, was keinen Sinn für unseren Alltag ergibt und uns sogar hemmt. Der Stickerei haftet oft ein Nimbus einer Unantastbarkeit an, was auch damit zu erklären ist, dass das Sticken in strengen Hierarchien ausgeübt wurde. Die Jungen mussten so - und genau so - sticken wie die Alten. Dies übertrug sich allmählich auf die gesamte Denkweise, das Wiederholen von Mustern auf Stoff diente beinahe schon als Metapfer für die grösseren, das ganze Leben ausfüllenden und umspannenden Muster, die blind und gehorsam übernommen wurden. Heute leben wir in einer anderen Zeit, von keinem Menschen würden wir ernsthaft erwarten, genauso zu leben wie vor hundert Jahren. Das Sticken - oder vielmehr die Fadenarbeit - sollte Freude bringen und für uns einen demokratischen und kreativen Rahmen schaffen. Wir sollen / dürfen / müssen uns von alten Denkmustern befreien und unseren eigenen, auf heutige Bedürfnisse und Fragen abgestimmten Weg finden. Um so zu sticken, wie es uns beliebt, dafür brauchen wir kein Erlaubnis von niemandem, dafür sind wir alle hinreichend emanzipiert. 


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