Arbeit an der Masche

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  • jb

Tinte, die gefärbte Flüssigkeit

Aktualisiert: 20. Okt 2019




Seit meiner Kindheit hatte ich keine Tinte mehr in der Hand. Irgendwie habe ich immer die Vorstellung, dass Tinte etwas für Kinder ist, vielleicht, weil ich in meiner Jugend so oft damit schrieb. Egal, wie viel Mühe man sich gab; die Flecken waren sofort da (und dort auch!) und erschreckten mit stets aufs Neue, ganz zu schweigen von den unangemessenen weil zu strengen Reaktionen der Lehrerinnen. Als ich vor Kurzem also gelesen habe, dass man eigene Tinte kochen kann, musste ich zuerst meine schlechten Assoziationen überwinden. Zum Glück bin ich eine neugierige Person, die gerne im Wald unterwegs ist und nach Pflanzen und Blättern zum Färben sucht. Und so dauerte es nicht lange und ich kochte meine erste Tinte aus grünen Baumnüssen. Die Farbe ist sehr intensiv, ein wunderschönes Braun, das an der Sonne schimmert. Das Malen mit Tinte sieht recht unspektakulär aus, doch es hat etwas Beruhigendes; das regelmässige Auftragen der wertvollen Tropfen auf ein Stoffstück lässt einen alles vergessen. Geht man dieser Tätigkeit zum Beispiel im Wald nach, so wähnt man sich beinahe im Paradies, so schön ist das Malen mit Tinte. Meine erste Serie von Stoffbüchern enthält unter anderem Spuren dieser Baumnusstinte.


Für meine zweite Tinte bin ich letzte Woche bis nach Marthalen (unweit von Schaffhausen) gefahren, und zwar in den grössten Eichenwald der Schweiz. Zwar gibt es auch hier in der Stadt sehr viele Eichen, doch die Ernte fällt dieses Jahr sehr sparsam aus. Im Niderhölzli, so heisst der Wald bei Marhalen, hat es leider nicht viel besser ausgesehen. Nach längerem Suchen habe ich doch eine Eiche gefunden, unter der ich eine Handvoll Eicheln sammeln konnte, also nicht gerade viel. Nach dem Einkochen bin ich auf knapp 1dl Tinte gekommen. Zwar ist sie heller als die von den Baumnüssen, doch dafür verströmt sie einen fast schon betörenden Duft. Dieser entfaltet sich je nach Anwendung unterschiedlich: beim Besticken von bemalten Blättern vermischt er sich mit den Duftstoffen von diesen oder bleibt an der Stoffoberfläche als Tropfen. Auch für Abdrücke (z.B. von Blättern) eignet sich die Tinte hervorragend. Anders als beim Aquarell, wo man mit vielen Pigmenten malt, arbeitet man mit einer Farbe, die jedoch in ihrer Einzigartigkeit und Intensität kaum zu übertreffen ist.


Damit auch andere Menschen in den Tinten-Genuss kommen können, habe für den Samstag 27. Oktober einen ganztägigen Workshop Stoffbücher geplant. Zunächst werden wir zwei Stoffstücke mit Tinte bemalen. Im zweiten Teil werden wir pflanzliche Abdrücke auf Stoff übertragen (auch zwei Stoffstücke). Auf diese Weise erhält man vier wunderschöne Stoffteile, die man nach Belieben zu Bildern besticken kann oder als Stoffbücher verwenden /verschenken kann.

Ich freue mich darauf, meine neue Tinten-Begeisterung mit anderen Menschen teilen zu können!