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Was liegt hinter der Stickerei?

Für gewöhnlich interessieren wir uns wenig für die Rückseiten von Gemälden und Zeichnungen - sofern diese Überhaupt eine Rückseite haben können. Bei einer Fotografie oder einem gemalten Bild ist es lediglich das Material, das "hinter" oder "unterhalb" vom Bild liegt. Die eigentliche Kehrseite dessen, was wir sehen, können wir nicht erfahren, da uns hierbei oft die Materialität desselben im Wege steht. Die Rückseite ist nicht einfach mit dem Blick ins Innere [z.B. des Menschen, wie beim Rembrandts Gemälde Anatomie des Dr. Tulp] zu verwechseln.

In der Kunstgeschichte wurde den Rückseiten oft wenig Aufmerksamkeit geschenkt, abgesehen von einigen Ausnahmen. So bemalte z.B. Hieronymus Bosch die Rückseiten seiner Bilder mit bunten, als ob zufälligen Pinselstrichen. Mit ein wenig Glück kann man diese Bilder in der Vitrine des einen oder anderen Museums in Holland bewundern. 

Interessanterweise werde ich in der letzten Zeit oft nach den Rückseiten meiner gestickten Arbeiten gefragt. Es ist, als ob die Menschen hinter die Stoffkulisse blicken wollten; offenbart doch die Rückseite w i e gearbeitet wurde, welche Fäden ich verwendete, wie die Stiche verlaufen und so weiter. Wenn ich so darüber nachdenke, dann ist eigentlich jede Stickerei ein dreidimensionales Objekt und die Rückseite gehört ebenso dazu wie die Front. Nur tragen wir die erstere oft versteckt und zeigen sie so gut wie nie.  Technisch gesehen ist die Rückseite der Ort, von dem aus die Fäden ausgehen und wo sie wieder enden, sprich die Anfangs- und Abschlussknoten sind hier - und zwar nur hier - sichtbar. Irgendwie mag ich die Rückseite immer mehr; der scheinbar ordnungslose Wirrwarr aus Fäden wirkt beim näheren Betrachten schon etwas ruhiger und hat sogar seine schöne Seiten. Bei manchen Arbeiten versuche ich die Rückseite nach vorne zu bringen, was visuell sehr erfrischend wirkt und die Arbeit dadurch eine neue Optik bekommt.

Die folgende Fotoserie zeigt die Rückseiten zweier Kleidungsstücke: die Pflanzen und Tiere kennen viele von euch von meiner dunkelblauen Indigoschürze. Es handelt sich allesamt um historische Motive (16.-19. Jh.) aus der Zeit der Naturentdeckugsreisen. Diese Motive können in den Kursen Animal Stories und Herbarium gestickt werden.  Das zweite Kleid ist eine andere Geschichte (die ich euch später im Detail vorstellen werde), und zwar sind hier das Mittelalter und Hieronymus Bosch das Thema. Doch auch bei diesem Stück habe ich wieder klassisch gearbeitet, dh es hat eine reguläre Vorder- und Rückseite. Die Motive stammen aus Boschs Gemälden und zwar handelt es sich um fiktive Figuren und Monster, wie sie oft in der Bibel oder mittelalterlichen Erzählungen vorgekommen sind.


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