Handgeschichten

 

 

Ein jedes Textilstück erzählt eine Geschichte - seine Geschichte. Leider kenne ich nicht die ganze Vergangenheit dieses wunderschönes Tuchs, doch ich kann euch erzählen, wie unsere gemeinsame Geschichte angefangen hat. 

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Manchen Textilien sieht man es geradezu an, dass sie eine lange Reise über Zeit und Raum hinter sich haben. So auch bei diesem Kaschmirtuch, das ich im Herbst 2019 von der Bildhauerin Heidy Wirz geschenkt bekam. Gekauft hatte sie es in Kaschmir (Himalaya) und wie der Name schon sagt, ist es aus Kaschmirwolle gewoben. Das Tuch hat eine quadratische Form (Masse 100 x 100 cm ) und in der Mitte verläuft ein weiteres Quadrat mit einer weissen Stickerei, das sich wiederholende Blumenmotive enthält. Die natürliche Farbe der Kaschmirfasern war zwar wunderschön, doch zugleich hat mich die weisse Fläche auch dazu verführt, sie zu färben. Ähnlich einer Leinwand habe ich mir einen farbigen Hintergrund geschaffen, auf dem ich besser arbeiten kann. Hierzu habe ich eine einfache Komposition aus Eucylyptus- und Rosenblättern gewählt. Die pflanzlichen Abdrücke fügen sich schön in das weiche Ziegenhaar, manche Eucalyptusblätter ergaben wohlgeformte Herzchen. 

 

Wie bestickt man nun solch ein Juwel? Es passierte wie von selbst, dass ich die pflanzlichen Abdrücke in simpler Sashiko-Manier (bei uns spricht man eher vom Nähen oder Laufstich) zu besticken begann, wobei ich die Enden der Fäden draussen hängen liess, um das Geweben zu schonen. Bei der Komposition habe ich mir Folgendes überlegt, und zwar: die gewobene Grundlage stammt von Tieren (in diesem Fall Kaschmirziegen), die hier die Tierwelt repräsentieren. Die pflanzlichen Abdrücke und die Fäden (die allesamt mit Pflanzen gefärbt sind), lassen sich als Vertreter der Botanik interpretieren. Die einzelnen Stickmotive hingegen gehen auf Menschen zurück: Einerseits ist es der Text, mit dem ich die ursprüngliche Stickerei "überschreibe", anderseits sind es Handabdrücke von mir und meinen Mitmenschen, die auf diese Weise mit dem Gewebe in visuellen Dialog treten und dann natürlich die Stickerei als solche. 

 

Bei den Motiven ist es vor allem der Handabdruck, der mich fasziniert: heute schenken wir diesem wenig Beachtung, doch früher, bevor es die Fotografie gab (um die menschlichen Gesichter festzuhalten), beschriftete man die Hände und die Betroffenen mussten diesen von offiziellen Organen verfassten Zettel an sich tragen. Die Hände gaben je nach Beruf und Stand eine solide Auskunft über ihre Besitzer*innen; allfällige Verletzungen und Merkmale liessen sich sehr genau festhalten. Die Beschriftung war eine Art Vorläufer der heutigen ID und des Fingerabdrucks. Auch in prähistorischen Zeiten findet sich der menschliche Handabdruck als eine Art Aufzeichnung oder rituelles Symboll, zum Beispiel bei den Höhlenmalereien in der Chauvet-Höhle. Hier sind es sowohl die Positiv- als auch die Negativabdrücke, mit denen eine ganze Wand übersät ist. 

Die Menschen in unserem Leben kommen und gehen, doch ihr Abdruck (der äussere oder innere), der sie mit anderen Menschen als Gattung verbindet und der sie einzigartig macht, bleibt in uns. Diese Idee fasziniert mich so sehr, dass ich auch die Hände meiner Freunde auf dem Gewebe festhalten möchte. Symbolisch stellen sie Berührungen und Begegnungen in Raum und Zeit dar, beziehungsweise das, was diese in mir hervorrufen. Was das Sticken betrifft, so lässt sich auch einen Positiv- oder Negativabdruck (nur die äusseren Ränder werden bestickt) machen, sogar die Lebenslinien liessen sich auf dem Gewebe sehr gut beidseitig sticken, wodurch die Hände einen noch persönlicheren Abdruck bekommen. 

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Letzen Sommer beschloss ich, die gestickten Linien - oder das, was sie in mir hervorrufen - in die geschriebene Sprache zu übersetzten. Schliesslich habe ich jede dieser Hände mit einer gewissen Intention gestickt, die meine Beziehungen zu ihrer Trägerin /ihrem Träger visuell darstellt. Zugleich haben die Texte zum Ziel, den Arbeitsprozess - sowohl technisch als auch inhaltlich - zu dokumentieren und zu reflektieren. Wird das gestickte Gewebe und seine Muster doch gerne als "so und so" gelesen, wobei oft die zugrunde liegenden Gedanken vergessen gehen. Die textuelle Auseinandersetzung mit meiner Arbeit soll diesen Prozessen entgegenwirken, sowie eine Grundlage für spätere Fortführung meiner Arbeit bilden. 

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