Bewegte Landschaften

Was liegt hinter der Stickerei? Ein Faden schlängelt sich durch das Gewebe und hinterlässt eine sichtbare Spur. Diese lässt das Auge von links nach rechts und von oben nach unten gleiten und zeigt auf, welche Weg die Hand, die den Faden führte, zurückgelegt hat. Worin unterscheidet sich der Faden von einer „gewöhnlichen“ Linie und in welchem Verhältnis steht die Stickerei zu einem Objekt, das fotografiert wurde? Mit diesen und weiteren Fragen befasst sich mein vorliegendes Projekt. Am Anfang standen Fotografien von Möwen und Schwänen, wie ich sie am Zürichsee und der Limmat gemacht habe. Die aufwändig in Szene gesetzten Vögel sollen die Natürlichkeit dessen, was wir sehen, hinterfragen. Ich habe mit Spiegelungen, Schatten oder Unschärfe gearbeitet um zu zeigen, dass das Sehen kein natürlicher weil passiver Vorgang ist, sondern davon abhängt, was wir bereits wissen. 

Die inhaltliche und visuelle Weiterführung der abgebildeten Ideen findet mittels Stickerei statt. Die ursprüngliche Landschaft wird auf Flugbewegungen reduziert, wobei die Schatten, Konturen oder Ähnlichkeit der Objekte hervorgehoben werden. Die Werke von Platon, Kant oder Spinoza haben mich bei meinen Ideen inspiriert.

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Dieses Projekt findet im Rahmen des Arbeitsstipendiums Covid-19 der Stadt Zürich statt. 

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Der Schatten und (s)eine Figur 

Meistens schenken wir ihnen kaum Beachtung; leise und kaum bemerkbar schleichen sie uns hinterher, je nach Sonnenlichteinfall verändern sie ihre Form und ähneln mal mehr, mal weniger dem Original. Und manchmal, so scheint es mir, erfahren wir durch sie etwas Neues. Manche Schatten, zum Beispiel jene von Vögeln an der Wasseroberfläche, erscheinen ganz lebhaft, beinahe so, als ob da ein zweiter Vogel über dem Wasser gleiten würde. Seine dunkle Gestalt scheint von einer ganz anderen Natur zu sein als die weissen Federn da oben. Das Auf und Ab der Flügel nimmt dem Schatten seine Kontur, es ist, als ob eine schwarze Rauchvolke vorbeihuschen würde. Für mich ist der Schatten fast schon eine eigenständige Figur, eine Art Doppelgänger mit eigener Dynamik, und nicht bloss eine matte Fläche, die das Original  verdunkelt "wiedergibt". 

Die von mir abgebildeten Vögel und Figuren lassen sich in vier Gruppen einteilen: Bilder mit a) Schatten b) Spiegelung c) Kontur und d) Ähnlichkeit.

Als Erstes habe ich ein schwarzweisses Foto einer Möwe im Flug gestrickt. Die beiden Flügel ähneln zwei geöffneten Fächern, die hin und her schwingen, während der Körper weitgehend scharf bleibt. Die weissen Federn kontrastieren schön mit dem schwarzen Schatten, der sich and der glatten Wasseroberfläche ausbreitet. Aus mehreren Gründen habe ich beschlossen, die Figuren auf ein seidenes Kleid zu sticken. Der hellblaue Hintergrund eignet sich hervorragend als eine Art tragbare Leinwand, auf der die Vögel weiterhin auf und ab fliegen können. Die dunkelblauen Streifen erinnern an Fäden, auf denen die Möwe ähnlich einer Marionettenfigur hängt. Da der Seidenstoff etwas durchsichtig ist, hat es sich wie von selbst ergeben, dass ich diesen beim Fotografieren gegen die Sonne hielt. Auf diese Weise sind alle Fäden sichtbar und die linke und rechte Seite lassen sich im Gegenlicht kaum voneinander unterscheiden. Die auf diese Weise entstandenen Bilder bestehen aus schier endlosen Fäden, die mal nebeneinander, mal übereinander verlaufen. 

Betrachten wir die Fotografie, die am Anfang meiner Arbeit stand, dann sehen wir, dass sie Mehrdeutigkeiten enthält. Diese ergeben sich in der Regel daraus, dass das Geschehen aufm Bild aus der Zeit-Raum-Achse herausgerissen worden ist, sprich der Kontext ist uns weitgehend unbekannt. Wir sehen etwas, das vielleicht gar nicht so war, wie es uns das Bild vormacht. Genau an diesem Punkt setzt meine Arbeit mit dem Faden an, und zwar wollte ich ein Bild sticken, das - im Gegensatz zur Fotografie - alles zeigt. Indem der gesamte Fadenverlauf sichtbar ist, enthält die gestickte Figur nur das, was wir sehen, mehr ist da nicht. Die Stickbewegung meiner Hand lässt sich teilweise aus dem Verlauf der Fäden zurückverfolgen und die Transparenz der Unterlage erlaubt uns einen Blick ins Innere. Das fadenartige Skelett hebt zum Flug ab und die Figur und ihr Schatten bestehen beide aus demselben Material. Es ist nur noch unser Verstand, der zwischen der Möwe in der Luft und ihrem Schatten unterscheidet, objektiv gesehen ist davon nichts mehr übrig. 

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