Bewegte Landschaften

 

 

Denken wir an Landschaften, so stellen wir uns meist eine ruhige Szenerie vor. Unsere Vorstellung davon, was eine Landschaft ist oder nicht ist, orientiert sich oft an der Malerei. Bei den von mir gemachten Fotografien steht nach wie vor die ruhige Landschaft im Mittelpunkt.

Die aufwändig und kunstvoll in Szene gesetzten Vögel (Möwen oder Schwäne) sollen die Natürlichkeit dessen, was wir sehen, hinterfragen. Hierzu habe ich oft mit Spiegelungen, Schatten oder Unschärfe gearbeitet. Die von mir gemachten Landschaftsbilder habe ich auf Stoff übertragen und werde sie fortlaufend besticken. Dabei soll aufgezeigt werden, dass das Sehen kein natürlicher weil passiver Vorgang ist, sondern direkt davon abhängt, was wir über ein Bild bereits wissen. 

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Dieses Projekt findet im Rahmen des Arbeitsstipendiums Covid-19 der Stadt Zürich statt. 

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Ansicht vom Silsersee, schwarzweisse Fotografie

Fotografie auf Stoff (als Cyanotypie), bestickt und mit Collage ergänzt

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Es ist eine Landschaft, wie wir sie nur aus den Märchen kennen. Die umliegenden Bergketten scheinen in den See hinunter zu steigen, wo sie mit ihren Spiegelbildern zu einem Ganzen zusammenfliessen. Erfahren wir erst durch diese Spiegelung die ganze Schönheit der umliegenden Landschaft? 

Am Morgen, kurz vorm Sonnenaufgang, wenn der Malojawind noch nicht aufkommt, da ist die Wasseroberfläche so ruhig und klar, das einer glauben könnte, darauf laufen zu können. Das, was ich sehe hinterlässt einen bleibenden Abdruck in mir und je länger ich verweile, umso stärker wirkt das gewaltige Bild auf mich. Dabei weiss ich so wenig über das, was ich sehe: ich kenne weder die Namen der Berge vor mir, noch könnte ich die Gesteine, Tiere und Pflanzen im Einzelnen benennen. Ich weiss nur, dass das, was ich sehe mir guttut. Mit meinem iPhone versuche ich die Landschaft so, wie ich sie zu sehen glaube, festzuhalten. Immer wieder entgleitet sie mir und ich muss viele Bilder machen, bis ich mit einem zufrieden bin. 

Später übertrage ich das schwarzweisse Foto mittels Cyanotypie auf einen Baumwollstoff. Obwohl es sehr ruhig wirkt, ist es für mich eine echte Herausforderung, was das Sticken betrifft. Wie soll ich nun diese Landschaft anfassen ohne sie zu verstören? 

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Ein länglicher Schnitt auf der Brust, und dann kreuzweise noch ein zweiter. Ähnlich einer Quelle sprudeln warme Fäden heraus und bahnen sich ihren Weg durch beide Brustseiten. Die wellenartige Bewegung der Fäden erinnert an einen Fluss, dessen Strom inmitten meiner Brust seinen Anfang nimmt. Zumindest visuell bin selber zu dem Fluss geworden, in den ich jeden Tag so gerne hineinsteige. Aus der sich öffnenden Brust lugt ein blauweisses Herz hervor, ein scheinbar unordentlicher Wirrwarr aus blauen und roten Fäden folgt einer anatomischen Ordnung. Die innere und äussere Ansicht fliessen ineinander und nach einer Weile lässt es sich nicht mehr genau sagen, welcher Faden woher kommt, geschweige denn, wohin er geht. 

Die visuelle Unbeständigkeit soll die Lebendigkeit unserer Körper und dessen, was wir als Natur bezeichnen, unterstreichen. Zugleich soll die liebevolle Unordnung der Fäden die starren weil repetitiven Stickmuster, wie wir sie kennen, durchbrechen und hinterfragen. Die Arbeit mit dem Faden ergänzt das Aufschneiden und Aufreissen des Gewebes, was ja gerade das Gegenteil davon ist, was wir für Gewöhnlich mit dem Stick- und Nähfaden tun, nämlich Gewebe zusammenbringen und verschliessen. 

"Der Fluss in mir"- so oder ähnlich liesse sich dieses Bild benennen. Und die Frage, inwiefern das, was ich sehe mit meiner eigenen Materialität (der Tatsache, dass Augen, Ohren und einen Körper habe) zusammenhängt, ist alles andere als banal.