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Die Hand, mit der ich die Welt begreife

Aktualisiert: Okt 7

Sie berührt, tastet, greift, drückt, hält, zieht, formt, dreht, empfindet, zeichnet, schnitzt, malt, näht, stickt, pflanzt, pflegt, baut, zerstört, gibt Zeichen, schreibt, liest, tippt, grüsst usw.


Den allermeisten von uns kommt es nicht mal besonders vor, was alles die Hand kann, so sehr haben wir uns an sie gewöhnt. Seit wir nicht mehr von Hand schreiben, sondern alles in die Tastatur eintippen, scheint es, als ob die Hand ihr letztes Monopol in Bezug auf das Hervorbringen von Zeichen, die eine Bedeutung haben, verloren hätte. Was noch in ihrem Repertoire übrigbleibt, sind scheinbar belanglose Griffe, mit denen wir durch den Alltag navigieren. Die meisten Menschen haben keine besondere Beziehung zu ihren Händen, es sei denn sie gehören zu den wenigen Spezialisten, die in ihrem Beruf die Hände wie ein Instrument gebrauchen.

Kleider, die wir tragen und Gegenstände, die wir täglich benützen, sind meistens das Resultat eines automatisierten Prozesses, bei dem die menschliche Hand nur eine unsichtbare weil untergeordnete Rolle spielt. Was uns als eine selbstverständliche und moderne Entwicklung vorkommt, sollte uns jedoch zu denken geben. Was bedeutet es für uns, wenn die allermeisten Lebensmittel, Kleider und Alltagsgegenstände von den Maschinen hergestellt wurden? Laut Hannah Arendt bedeutet diese Entwicklung vor allem eins, nämlich, dass alles, was auf diese Weise hergestellt wird, von den Möglichkeiten der Maschinen abhängt. Dadurch werden Mittel zu Zwecken, sprich der Mensch wird zum Knecht der Maschine, die eigentlich ihm dienen sollte (Arendt: Vita Activa, S171f.). Spätestens hier sollten die Alarmglocken läuten, doch oft werden sie vom Rattern der Maschinen übertönt.

Die Problematik lässt sich anhand des folgenden Beispiels gut veranschaulichen: In seinem Buch Das Sichtbare und das Verborgene beschreibt der britische Kunsthistoriker John Berger einen Holzvogel, der in seiner Konstruktion sehr schlicht ist. Gerade die Schlichtheit führt dazu, dass man beim Schnitzen sorgfältig und präzise vorgehen muss, damit der Holzvogel schön gerade in der Luft hängt. Die ausbalancierte Konstruktion verleiht dem Holzstück eine Leichtigkeit und erfreut das Auge, wenn sich der hölzerne Vogel in der warmen Luft eines Kamins bewegt und an einen echten Vogel erinnert. Bei meinem letzten Besuch in der Slowakei hatte ich die Gelegenheit einen solchen Holzvogel zu kaufen. Es handelt sich um einfache Gegenstände, die gewissen familiären oder rituellen Zwecken dienten, etwa wie ein Holzpferd als Kinderspielzeug oder ein schön bemaltes Osterei, das man jemandem schenkt. Man versteht den Zauber, der dem Herstellungsprozess dieser Objekte innewohnt wahrscheinlich am besten, wenn man selber beginnt ähnliche Dinge herzustellen. Und hier kommt die Hand ins Spiel. Sie ist es, die bestimmte Griffe möglich macht, so dass sie zusammen zu Arbeitsschritten oder Techniken werden, durch die Hand bin ich mit dem Gegenstand, den ich hervorbringe, verbunden. Der Philosoph und Soziologe Richard Sennett geht noch weiter und spricht von einer rhythmischen Verbindung, die vom Herzschlag ausgeht und sich über den Körper auf die Hand ausdehnt und sogar am Gegenstand selber ablesbar ist (Sennett: Das Handwerk). Die Gleichmässigkeit, mit der ein Mensch arbeitet, wird oft als "gute Hand" bezeichnet.

Ich persönlich nehme die Verbindung zwischen der Hand und dem Herzschlag am deutlichsten beim Sticken wahr. Das regelmässige Führen eines Fadens durch den Stoff erzeugt nicht nur verschiedene Muster an der Stoffoberfläche, sondern vermittelt auch ein bestimmtes Gefühl und erzeugt eine Stimmung, die je nach Sticktechnik variieren. Gleichzeitig kann man beobachten, wie aus einzelnen Teilen (ein Stoffstück und Fäden) gewisse Formen wie Pflanzen oder Tiere hervorgehen, die eine Ähnlichkeit mit ihren Urbildern, wie sie in der Welt vorkommen, haben. Die Hand ist in diesem Prozess genauso wichtig wie das Auge, das sie führt oder die Vorstellungskraft, mithilfe welcher wir uns das Muster ausdenken. Die Hand ist mehr als nur ein stummes Glied; sie speichert Informationen und hat ein ganzes Repertoire an feinabgestimmten Bewegungen, die wir ganz automatisch korrekt ausführen. Das Instrument – hier eine einfache Nähnadel – fungiert wie eine Verlängerung der Hand und arbeitet in einem von mir vorgegebenen Tempo. Dies ist allen Instrumenten und Geräten, die manuell angetrieben werden gemeinsam, nämlich dass sie sich nach dem Menschen richten und nicht umgekehrt. Wer den Film Metropolis [1927] gesehen hat und sich die Szene, in der ein von der Maschine gehetzter Arbeiter beinahe an Erschöpfung stirbt, in Erinnerung führt, der versteht, was ich meine. Man könnte sagen, dass dem durch die Technik beherrschten Menschen seine Welt abhanden gekommen ist.

Was verändert sich für uns, wenn wir Gegenstände von Hand herstellen und uns mit diesen umgeben? Diese Art von Gegenständen bereichert unsere Wahrnehmung, denn sie zeigen uns, was der Mensch zu hervorbringen vermag. Dies ermöglicht uns nicht nur gewisse haptische, visuelle und akustische Erlebnisse, sondern führt uns vor Augen, dass auch wir – zumindest ansatzweise – ebenfalls die Fähigkeit besitzen, diese Art von [Kunst]Handwerk hervorzubringen. Hinzu kommt der Umstand, dass jeder von Menschen hergestellter Gegenstand ein Original ist, so einzigartig in seiner Anfertigung, wie der Mensch, der sein Können, seine Zeit und Energie dafür aufgewendet hat. Dies erklärt den grossen Wert, den Gegenstände des Alltagsgebrauchs früher hatten. Es war nicht unüblich, dass man schöne und aufwendig hergestellte Dinge oder reich bestickte Textilien sogar vererbt hat. Am Beispiel des Kimonos (aus dem Jpn. mono, ein Ding) lässt sich dies gut aufzeigen. Die Breite und Länge der Stoffbahn werden so belassen, wie sie aus dem Webstuhl kommen, das heisst, der Stoff ist in einem Kimono eigentlich aufbewahrt und kann jederzeit für etwas anderes (Haushalttextilien oder Kinderkleider) verwendet werden. Durch das Besticken der Kimonos (meist mit Sashiko Technik) hat man das Kleidungsstück an exponierten Stellen verstärkt und symbolisch besetzt. Zusätzlich hat man jedes noch so kleine Stoffstück aufbewahrt und in die alten, abgetragenen Kimonos und Hosen zurückverstickt und sie auf diese Art verstärkt (Boro Technik). Die Akribie und Sparsamkeit, mit der die japanischen Textilien hergestellt und gehandhabt wurden, zeugt von grossem Können und einem für uns schwer nachvollziehbaren Respekt vor der Natur und ihren Ressourcen, die man ihr oft nur mit Mühe abgewinnen konnte. Es ist nicht mein Ziel, die harten Umstände, unter denen die Textilienherstellung erfolgte, zu idealisieren. Vielmehr möchte ich die dahinterliegenden Prozesse aufzeigen und ein gewisses Verständnis für die Techniken vermitteln. Hierzu möchte ich auf das Sticken zurückkommen.

Das Auswählen der Farbfäden und ihre Anordnung zu organischen oder abstrakten Formen ist ein Prozess, der auf mich sehr stark wirkt. Die scheinbar belanglose Tätigkeit des Stickens beflügelt die Fantasie hat etwas Verspieltes. Obwohl man oft nach einer vorgezeichneten Linie stickt, sind die Stiche individuell variierbar, etwa in ihrer Länge oder Breite. Die bescheidenen Ausgangsmaterialien (Stoff, Faden und Nähnadel) machen es möglich, das Sticken von der Tradition zu lösen und an individuelle, zeitgemässe oder gar subversive Sujets anzuwenden. Die Technik, das heisst die Art von Stichen und ihre räumliche und zeitliche Anordnung, ist ebenfalls massgebend. Heute wird fast ausschliesslich mit freien Techniken, sprich ohne das Zählen von Fäden gestickt; das Muster entsteht an der Oberfläche. Wenn ich die älteren Arbeiten meiner Mutter betrachte, da hat man die Muster in den Stoff direkt "gemacht", also eine bestimmte Anzahl von Fäden rausgezogen und mit diesen die im Stoff verbleibenden Fäden verstärkt und verziert. Die auf diese Weise entstandenen Muster haben auf mich als Kind eine beinahe hypnotisierende Wirkung gehabt. Betrachte ich sie heute, frage ich mich "Wie in aller Welt kann man nur so präzise arbeiten"? Das kontrollierte Zerstören des Gewebes hat für mich etwas tief Menschliches. Zugleich bringt man in eine bestehende Struktur (die des Stoffes) eine neue, menschliche Ordnung hinein. Ich versuche mir vorzustellen, wie viel Geschick und Geduld meine Mutter aufbringen musste, um ein Tischtuch zu sticken. Die feinen Fäden und die zarte Arbeit erforderten es oft, dass sie draussen an der Sonne arbeiten musste, um die Fäden zählen das Muster erkennen zu können. Es kommt mir vor, als ob sich der Mensch ganz nach der Technik, die hier als etwas Selbständiges erscheint, richten musste. Das ist wahrscheinlich das, was wir als Tradition bezeichnen würden. Heute hingegen sticken wir umgekehrt 'rum: wir geben dem Muster eine persönliche Form und bestimmen, in welche Richtung der Faden verlaufen wird. Die Stickerei hat sich nach mir, meinen Fähigkeiten und Vorlieben zu richten, nicht umgekehrt. Dieser Perspektivenwechsel hat für mich fast schon etwas Symbolisches, schliesslich finden wir ähnliche Verschiebungen auch in anderen Lebensbereichen. Die Tätigkeit des Stickens hat etwas Ordnendes und Beruhigendes, zumal die Wiederholung, aus der ein Muster entsteht, auch körperlich (man bewegt ja die Hand, den Oberarm und sogar den Oberkörper) einen Rhythmus erzeugt. Was bedeuten diese Prozesse für mich, für mein Verständnis der Welt? Das alles bedeutet vielleicht so viel, dass mich der Faden, mit dem ich arbeite, auf diene bestimmte Art und Weise mit der Welt verbindet. Beginnend bei meiner Vorstellungskraft, über mein Herzrhythmus und die Hand, die eine Sticknadel führt, bis hin zu dem gestickten Muster, das als selbständiges Objekt in die Welt hineintritt und dem eine von mir unabhängige Existenz zukommt. Es ist für mich jedes Mal ein kleines Wunder, wenn die Menschen in dem, was ich gestickt habe, die ursprüngliche Figur – sei es eine Pflanze oder ein Tier – erkennen.


Dieser Text wurde auf dem Schweizer Portal für Philosophie www.philosophie.ch publiziert (28. 12. 2018).


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