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Auf Tiefgang mit Pinna Nobilis 


Edle Steckmuscheln gab es in der Antike offenbar zuhauf. Nicht nur ihr weiches Muskelfleisch war ein Fest für den Gaumen, sondern auch ihr Faserbart wurde zu edlen Textilien verwoben. Die Muschelseide, wie dieser begehrte Rohrstoff genannt wurde, leuchtete meist in bronzenen Farben und war ausgesprochen zart. Ihr Preis konnte sich mit jenem vom Gold messen, wie ich auf Sardinien erfahren habe. Hier habe ich nämlich vor kurzem die beiden Schwestern Pes in ihrem Webatelier besucht. Sie selber haben noch ältere Vorräte an Byssus (so der deutsche Name), die sie von alten Fischerfrauen geschenkt bekamen. Seit gut hundert Jahren ist das Sammeln von Pinna Nobilis verboten, aber es gibt ohnehin kaum welche, denn die Schleppnetze der Industriefischrei haben alles zunichte gemacht, was auf dem Meeresboden gedeihen konnte. Und so ist der Mythos um die Meeresseide noch grösser geworden und ihr Vorkommen noch rarer. Die Muschel selber wurde fast bis zu einem Meter lang und bereist in der Antike war sie als Rohrstof sehr begehrt. Es versteht sich von selbst, dass sie für lithurgische oder königliche Gewänder verwendet wurde, nicht etwa für Alltagskleider. 



Giuseppina Pes zeigt uns ihre vertvollsten Stücke, gekonnt spinnt sie den Faden der Erzählung, der mehrere Generationen zurückreicht. Ihre eigene Geschichte ist mit jener von Italo Diana, einem Webmeister aus südlichem Sardinien verwoben, denn von seiner Schülerin, Frau Murroni, haben sie das seltene Handwerk gelernt. Heute weben die Schwestern meist aus lokaler Schafswolle, die sie selbst verspinnen und färben. Ihre Designs entwerfen sie selbst, als Inspiration dienen ihnen alte lokale Motive. Diese muten etwas ägyptisch an und sind so schön, dass man nie genug davon bekommt. Der Blick wandert auf den eckigen weil gewobenen Figuren und das Auge kommt almählich zum tanzen. Auf Sardinien wird mit einer speziellen Technik gewoben, die a punte agu heisst. Hierbei wird ein extra Faden eingewoben und um eine (Strick)Nadel gewickelt, wodurch lockere Knötchen im Gewebe entstehen. Ähnlich zum Kreuzstich werden eckige Blüten ins Gewebe gezaubert, mal in Kontrastfarben, mal uni. Das Weben eignete sich natürlich am besten für die edle Meeresseide, zumal dabei kein Millimeter verschwendet wurde, sondern jedes Härchem im Gewebe blieb. Natürlich wurde mit bisso, wie die Meeresseide auf italienisch heisst, auch gestickt, jedoch seltener.



Giuseppina und Assuntina Pes sind beide sehr religiös und weben oft lithurgische Gewände für die örtliche Kirche. Ihre Werkstatt mit dem grossen Webstuhl, all den Materialien und fertigen Stücken, sowie ihr strenger, für heute etwas ungewöhlicher Umgang mit Besucher:innen vermitteln die Atmosphäre eines heiligen Ortes. Ich selber wagte es nicht mal, ohne Aufforderung einen Schritt zu machen, geschweige denn etwas anzufassen. Es wurde mir erlaubt dieses und jenes (und nicht mehr) Stück zu fotografieren und fertig. Nach einer Stunde wurden wir wieder in die Gegenwart verabschiedet, ein bisschen von der vergangenen, goldig-bronzenen Zeit blieb dennoch im Gegühl. Das Städtchen am Hügel, stets von der salzigen Meeresluft umhüllt, wirkt selber wie aus der Zeit gefallen und lädt zum träumen ein. 

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