Y A R A
Eine Figur, dich sich im Laufe des Jahres stets wandelt. Zwölf verspielte Bilder, von denen jedes eine kleine Geschichte erzählt. Zusammen fügen sie sich zu einer Art visueller Stick-Reise durch die Jahreszeiten. Ergänzt mit kurzen Texten, die Philosophie mit freier Erzählung verbinden, lädt Yara auf eine zauberhafte Odyssee ein, wo alles möglich ist.

Geburt [November]
Yara wurde im November aus dem Nichts, pardon, aus einem Kürbis geboren. Es ist nicht irgendein Kürbis, sondern ein magisches Exemplar, gemalt mit (fast) unsichtbaren Farben, die sich kaum vom Hintergrund abheben. Ganz im Sinne der japanischen Zen Malerei, die, ähnlich wie die Zen Meditation, das Nichts zum allgemeinen Prinzip erhoben hat. Die Bilder des japanischen Malers Junsaku Koizumi verkörpern diese Philosophie auf eine faszinierende Art. Weise, fast schon durchsichtige Pinselstriche auf einem grau-schwarzen Hintergrund bringen zarte, noch nie dagewesene Formen hervor und deuten eine alles umspannende Vergänglichkeit an. Als ob sich ein Winterfrost über die Leinwand legen würde und die darunter konservierten Blüten und Objekte sich im Nichts auflösten. Denn alles ist flüchtig, alles endet im Nichts. Wir wissen nicht, woher wir kommen und wohin wir gehen.
Übertragen auf die Stickerei bedeutet es, so zu sticken als ob man nicht sticken würde. Oder zumindest nicht schön, nicht regelmässig und so weiter. Begleitet von kurzen Meditationen (meist vor dem Arbeitsbeginn) habe ich jeweils die Fadenarbeit an diesem Kürbis aufgenommen und immer nur so lange gearbeitet, wie mir die Stickerei leicht von Hand ging. Auf diese Weise konnte ich meinen Rhythmus finden und mich ganz in dem gestickten Kürbis verlieren. Es sind keine Stiche, wie wir sie kennen, bloss Fadenspuren im Stoff. Während der Arbeit habe ich mir immer wieder gesagt "Nicht schön sticken." Denn die Stiche und Regelmässigkeit waren mir wirklich egal, vielmehr liess ich mich von der eleganten Form und den Farben leiten. Wobei ich anmerken muss, dass ich sehr wenige Farben verwendet habe: alles in allem um die fünf oder sechs. Durch das Zusammenlegen zweier Fäden (z.B. gelb und orange) habe ich einen hellen Ton bekommen, indem ich später das gelb durch grün oder blau ersetzt habe, konnte ich mehr Tiefe hervorbringen. Auf diese Weise habe ich die Farbpalette fortlaufend erweitert und die hellen / dunklen Flächen dargestellt. Yara fühlt sich wohl in ihrem Kürbis, die fröhlichen Farben wärmen sie und sie kann unbemerkt durch den Garten spazieren und dem Vogelgezwitscher lauschen.

Angry Snowflake [Dezember]
Keplers Entdeckungen oder zumindest seinen Namen dürften wohl die meisten kennen. Weniger bekannt hingegen ist seine Schrift "Über die sechseckige Schneeflocke" (Strena seu de nive sexangula) aus dem Jahr 1611, die er für seinen Gönner und Freund Kaiser Rudolf geschrieben hat. Zu dieser Zeit lebte Kepler in Prag, wo er als Hofmathematiker tätig war. In der besagten Schrift, die übrigens sehr lesenswert ist, lässt er sich auf eine poetische Art über die Formen und Eigenschaften von Scheeflocken aus und philosophiert über das Nichts. Nur zu gerne würde Keppler dem Kaiser auch dieses Jahr ein Neujahresgeschenk machen. Er wisse um die Begeisterung des Herrschers für Vergänglichkeit und Nichts. Er sucht zunächst bei den vier Elementen (Erde, Luft, Feuer und Wasser), wird aber nicht fündig, da diese doch zu grobstofflich sind. Erst beim Spazieren über die winterliche Karlsbrücke, als einige Schneeflocken auf seinem Mantel landen, fällt ihm das passende Geschenk buchstäblich vom Himmel: die Schneeflocke!
Yara wollte eigentlich in den Fluss fallen und sich auf einer Eisscholle treiben lassen, doch die scharfe Bise brachte sie von ihrer Flugbahn ab. Wie aus dem nichts taucht plötzlich eine in schwarz gekleidete Gestalt auf, die in gemächlichen Schritten über die Karlsbrücke schreitet. Es gibt kein Entkommen mehr, Yara kann nicht mehr ausweichen und kollidiert mit diesem etwas oder vielmehr jemanden. Das Letzte, was sie noch sieht, sind zwei grosse Augen, die sie von nahem betrachten, als ob sie noch nie eine Schneeflocke gesehen hätten. Der warme Atem des Riesen und das weiche, schwarze Feld auf dem sie gelandet ist, lassen Yara erahnen, dass das Ende naht. Ah, es hätte so ein schöner Tag werden können, ärgert sie sich. Alles für nichts, denkt sie wütend und schlägt aus letzter Kraft mit ihren sechs Ecken gegen den warmen Mantel. Noch ehe sie den Satz zu Ende bringen kann, schmilzt sie lautlos vor sich hin und ihre einzigartige Existenz endet im Nichts. Doch der Riese, der Johannes Kepler hiess, hat sie sehr wohl bemerkt. Kurz vor ihrem Ableben konnte sie ihn noch bezaubern und er war von ihr so begeistert, dass er ihr sogar eine ganze Abhandlung widmete. Und so wissen wir noch heute, über 400 Jahre später, wie Yara aussah.

Winterrübe [Januar]
Die Erde, noch halber im Winterschlaf, trennt sich nur ungern davon, was sie über die kalten Monate mühevoll hervorbracht. Mit meinen kindlichen Händen ziehe ich an den grünen, fleischigen Blättern, rüttle am Schopf der schlafenden Winterrübe, die sich nur schwer aus ihrer frostigen Wohnstätte reissen lässt. Meine kleinen Füsse bohren sich in den kalten, mit Reif überzogenen Erdboden, der nicht nachgeben will. Nach längerem Hin und Her lasse ich für einen Moment lang ab und setze mich neben die unwillige Rübe, um ihr schön zuzureden. Beim zweiten Versuch klappt es schon besser, etwas regt sich unter meinen Händen, doch es reicht noch nicht für eine Ernte. Und so mache ich erneut eine Pause, um mich zu erholen, bevor ich es zum dritten und letzten Mal versuchen will. Schnaufend stemme ich mich gegen den kalten Boden, krümme mich über meine Beute und ziehe aus aller Kraft, bis die Erde endlich ihren Schatz preisgibt. Der letzter Ruck ist beinahe ohne Widerstand, plötzlich halte ich sie in den Händen und fliege nach hinten. Mit ausgestreckten Armen und Beinen liege ich rücklings da, die lachende Rübe wälzt sich auf meinem Bauch. Wohl ermutigt durch das Sonnenlicht und die Wärme beginnt sie sogleich zu wachsen und wachsen … bis sie mich ganz bedeckt und fast in den Erdboden hineindrückt. Die Rollen vertauscht: sie, die noch vor kurzem in der Muttererde steckte, ist nun draussen und entdeckt die Welt. Ich, die gerade auf dem halb gefrorenen Boden herumlief, liege da und werde beinahe zurück, in das leere Rübenloch hineingedrückt. Doch plötzlich regt sich etwas in mir, als ob da eine unsichtbare Uhr tickte, die die Zeit nach vorne schiebt. Meine Beine und Arme kribbeln, der Bauch juckt und ich spüre, wie dir Rübe auf mir in die Ferne rückt - ich wachse!