Dreamlines
Aktualisiert: vor 6 Tagen

Eine gestickte Linie ist weitaus mehr als es auf den ersten Blick erscheint. So ist dem auch beim Sashiko: sehr schlicht, einfach in der Ausführung (sofern die Regeln eingehalten werden) und doch ziehen uns die kindlichen Muster in ihren Bann. Lange, sehr lange habe ich mich dagegen gewährt, ich wollte ja nicht in dem seelenlosen «Ah so schön» Strom der digitalen Stickerinnen mitschwimmen. Von Natur aus schwimme ich eher gegen den Strom und suche meinen eigenen Weg.
Doch diesen Sommer, als ich mehrere Tempel, Museen und Workshops in Japan besuchte, da hat sich in mir etwas bewegt. Plötzlich schien das Sashiko nicht mehr so seelenlos, so brav nachgestickt und monoton wie von einer Maschine. Ja, das mag an den alten Textilien liegen, die vorwiegend von Auge vermessen und ohne vorgedruckte Linien bestickt wurden. Diese Art von Handarbeit verleiht einem Kimono oder Haori (kurze kimonoartige Jacke) etwas Lebendiges, je nach Lichteinfall pulsieren die Flächen geradezu, als ob die Kleidungsstücke über die Jahrhunderte hinweg immer noch atmen würden. Jedes Muster hatte seinen Zweck, nicht selten wurden die Kleidungsstücke zusätzlich mit Meeresmonstern, Wellen oder Fischen bestickt. Die meisten Fäden sind weiss, dies war einerseits armutsbedingt, anderseits war die Kleidervorschrift der Edo-Zeit sehr streng (zumindest für einfache Bauern- und Fischerleute). Doch es war noch etwas anderes hier: die weisse Farbe gilt im Zen Buddhismus als heilig, weisse Steinchen in einem Tempelgarten sollen die Aufmerksamkeit bündeln und wohlgesinnte Geister anlocken. Und so war auch der weisse Faden eine Art Landkarte für die guten Geister, die einen am Meer oder bei der Arbeit beschützen sollten. Hört und liest man solche Geschichten, erscheint diese – leider gänzlich verwestlichte – Sticktechnik in einem neuen (oder eher alten) Licht. Die weissen Linien bekommen etwas Liebevolles, die Muster werden anders verstanden und auch umgesetzt, kurz und gut, man verliebt sich geradezu in Sashiko.
Ähnliche Techniken wurden auch anderswo auf der Welt gestickt. In Indien ist es die Kantha Stickerei, die meist auch mit einem einfachen Vorstich erfolgt. Anstatt geometrischer Figuren werden Elefanten, Vögel, Figuren und Bäume gestickt, dazwischen unzählige Formen wie Kreise, Blätter oder Rauten. Das Auge kann sich an einem dicht bestickten Kantha Tuch nicht sattsehen, die feinen Fäden zaubern ferne, heute fast vergessen Welten hervor. In Osteuropa hat man früher selbst gewobene Stoffe mit ähnlicher Technik bestickt: der Faden verlief horizontal im Gewebe und die übereinander liegenden Linien bildeten abstrakte Formen, die Fauna und Flora angelehnt waren. Im Norden Japans wurde auch sehr ähnlich gestickt, allesamt mit einem weissen Faden - diese Rauten artige Technik heisst Kogin (oder bei länglichen Mustern Hishizashi). Es ist schon faszinierend zu sehen, wie die Stickmuster sich über die ganze Erdkugel verbreiten, in jedem Land wird gestickt, die menschlichen Hände bringen eine schier unendliche Vielfalt hervor, an der sich die Augen ein Leben lang erfreuen können. Kennt ihr vielleicht alte oder neue Sticktechniken, die schön zum Nachsticken wären?
Damit euch der Einstieg ins Sashiko gelingt, habe ich ein paar verspielte Anleitungen entworfen und nachgestickt. Diese kleine Sashiko Einführung gibt es in zwei Kursen:
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