Die heilsame Kraft der Überwindung
- 10. Aug.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 11. Aug.

Was hat es auf sich mit dem Stoffkarpfen? In Japan und zunehmend auch in der Schweiz sieht man sie oft, meist werden sie als eine Dekoration für Kinder draussen aufgehängt. Japanische Kinder erhalten ihren ersten Stoffkarpfen zum Kindertag (1. Juni), damit sie gesund, intelligent und widerstandsfähig werden ... eben wie ein Karpfen, der den Strom hinauf schwimmt. Übrigens auch in der Limmat kann man an einem ruhigen Sonntagmorgen immer wieder ein paar schöne Karpfen beobachten.
Ich mag die Idee mit dem Karpfen, es ist eine passend gewählte Metapher, die zum eigenständigen und mutigen Handeln anregen soll. Im Japanischen gibt es dafür den Begriff Ganbatte, der so viel bedeutet wie vorwärts gehen, nicht aufgeben, noch ein kleines Schrittchen mehr... und dergleichen. Neben dem Koi Karpfen (koi bedeutet im Japanischen einfach Karpfen) gibt noch andere Darstellungen, die einen mutigen Geist symbolisieren, wie etwa Hokusais Welle von Kanagawa, die ihr bestimmt kennt. Obschon die Monsterwelle jeden Moment zu brechen droht, scheinen die Seemänner in den Fischerboten ihre Hoffnung nicht zu verlieren. Jedes Vorwärtsgehen beinhaltet auch Ungewissheiten, hadern, Zweifel und nicht zu wissen, ob man auf dem richtigen Weg sei. Und hier kommt das kollektive Handeln ins Spiel, das ist ganz wichtig in Gesellschaften wie Japan. Einmal, als ich an einem frühen Morgen in Hiroshima an einer grossen Baustelle vorbeiging, konnte ich einen Blick aus dem Innenhof erhaschen und siehe da! Auf einem grossen Flachbildschirm lief ein Sportprogramm, wie ich es aus meiner Kindheit in der Tschechoslowakei kenne. Und vor dem Bildschirm hüpfte etwa hundert Menschen, vorwiegend Männer (es war ja eine Baustelle) mit. Arme hinauf strecken, hochspringen, dann wieder nach unten, einen Schritt zur Seite, einen nach vorne und so weiter. Alle im Gleichtakt und doch jede:r für sich. Das Video, die Musik und auch die Übungen waren natürlich nicht dieselben wie in meiner Erinnerung, aber ich fühlte mich sofort in meine Kindheit versetzt. Wir haben täglich so oder ähnlich in der Klasse geübt: im Kindergarten und später in der Grundschule. Fast hätte ich mich dazugesellt! Sport (egal wieviel), Freude an Bewegung und ein bisschen Musik – was braucht man mehr? Und zusammen mit anderen geht’s besser als wenn man sich allein quält. Die Schwerkraft wird zum Spiel, und obschon mal alleine hüpft und turnt, macht die blosse Anwesenheit anderer den Unterschied und motiviert zum Weitermachen, noch ein Stückchen mehr ... eben Ganbatte!
Fast hätte ich das Buch Ganbatte! von Albert Liebermann schon zur Seite gelegt, da sprang mir noch ein Begriff ins Auge: Wabi Sabi, die buddhistische (und somit auch japanische) Philosophie vom unperfekten Leben. Salopp zusammengefasst lässt es sich wie folgt erklären «Es ist so wie es ist, das Leben ist ohnehin nicht perfekt. Besser findest du dich damit ab und machst dich Sachen trotzdem.» Wie passen den diese so unterschiedliche Ansichten zusammen? Liebermann bringt es gut auf den Punkt, nämlich, wir sollen uns stets ein bisschen anstrengen, denn eigentlich stehen wir immer am Anfang, die Arbeit oder vielmehr das Werk (egal welcher Art, sei es das Leben selbst) ist nie fertig. Der Gedanke gefiel mir sehr, es ist eine motivierende Interpretation des Wabi Sabi. Und in der Tat, das Leben beginnt jeden Tag von neuem, wir stehen auf und gehen unseren Pflichten nach. Betrachtet man den Tag ein bisschen isoliert von anderen, dann bekommt er beinahe etwas Festliches - warum auch nicht? Zugleich lehrt uns das Wabi Sabi, dass wir Dinge – egal wie schwierig oder aussichtlos sie uns scheinen – dennoch in Angriff nehmen sollen. Zu müde zum Joggen? Ein Spaziergang tut es auch, vielleicht kommt die Lust doch noch unterwegs. Besser ein paar Minuten Bewegung als gar nichts. Ja, diese Idee hat mir gefallen, so sehr sogar, dass ich pünktlich zum Sonnenuntergang in die Joggingschuhe schlüpfte und hinaus zum Joggen ging ... oder vielleicht doch spazieren? Jedenfalls Ganbatte!
Das Buch «Wabi Sabi» von Nubuo Suzuki eignet sich meiner Ansicht nach perfekt zum Einstieg in die Wabi Sabi Philosophie.
Und dann natürlich das erwähnte "Ganbatte!" von Albert Liebermann
Falls ihr Bewegung in einer Gruppe bevorzugt oder ausprobieren wollt, in der Freitagsklasse (Yoga) hat es noch freie Plätze. Es sind keine Vorkenntnisse erforderlich, lediglich ein normaler, guter Gesundheitszustand. Die Übungen wechseln jede Woche, damit es uns nicht langweilig wird. Freitags 8 Uhr im Kreis 6 (Zürich).
Mehr Infos hier: https://www.arbeitandermasche.ch/yoga



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