Japan'26
Meine zweite Japanreise ist dem Handwerk gewidmet. Im Rahmen meiner Projekte (privat und für die Universität Zürich) begebe ich mich auf die Spuren meditativer Praktiken in verschiedenen Regionen. Meine kürzeren oder längeren Reiseberichte werde ich hier mit euch teilen. Ich freue mich, dass ich auf diesem Weg die Schönheit und Vielfalt Japans weitergeben kann.



OSAKA
Wir kommen uns nur zaghaft näher, obschon es dafür eigentlich keinen Grund gibt. Die Stadt ist sehr intuitiv organisiert, es hat vieles von allem und sogar die grossen Einkaufszentren warten mit einer unverhofften Charmeoffensive auf. Und doch scheint es mir, als ob hier die Zeit ein bisschen stehen geblieben wäre, fast schon wie der Tosahori Fluss, der unterhalb vom Hotel in zwei parallel verlaufenden Kanälen nicht so richtig vorwärtskommt. Ein ausgedehnter Spaziergang entlang des Ufers führt zur Osaka Burg, die sich imposant über dem dicht bewaldeten Park erhebt. Die Wasserkanäle unterhalb der Burgmauern bilden eine Art Spirale, die sich mit dem Boot befahren lässt. Im Hochhaus Abeno Harukas kann man im 16. Stockwerk eine elegante Gartenterasse besuchen, die an New Yorks MoMA Garten erinnert. Die moderne Nachkriegsarchitektur mit vielen Hochhäusern und breiten Strassen schafft viel Freiraum, der sich mitunter etwas leer anfühlt.
An einem verregneten Abend entdecke ich dann doch das, was früher wohl Alt-Osaka war: im Schatten des Hotels liegen einige enge Gässchen, wo alles anders ist. Die Strommäste tragen ein robustes Kabelgeflecht, das wie ein Spinnennetz die engen Strässchen von oben zusammenhält. Tür an Tür kleben viele kleine Restaurants aneinander, die meisten davon bieten Platz für knapp ein duzend Gäste. Das Menü tanzt in fröhlicher, für mich unlesbarer Hiragana Schrift auf dem edlen handgeschöpften Papier. Hie und da verrät ein Bild, was der Koch heute hervorzaubert, ansonsten muss man sich auf Überraschung einstellen. Die rotweissen Lampions leuchten um die Wette und schwarze Silhouetten unter durchsichtigen Regenschirmen verstärken die Illusion eines Filmsets. Scheu betrete ich ein sehr schönes, mit hellem Holz verkleidetes Restaurant, drei kleine Treppen (ent)führen mich hinunter. Ich werde fröhlich begrüsst und darf an der Theke platznehmen. Nach einer Weile bemerke ich viele kleine Augen, die mich beobachten, allesamt Schildkröten: aus Holz geschnitzt, auf Steinchen gemalt, an der Wand als Enso-Bilder (schwarzer Zen-Kreis aus Tusche) oder gar aus einem Kokosnuss-Panzer hervorlugend. Dazwischen winzige Bonsais und viele andere schöne Dinge, die ich nicht benennen kann. So ist es also, eine Art Schildkröten-Restaurant! Was, wenn das verzauberte Gäste sind, frage ich mich ... an diesem unwahrscheinlichen Ort wäre es durchaus möglich. Das Menü scheint mir sehr grosszügig, mit einer Hand bedecke ich die untere Hälfte und mit der anderen zeige ich auf die oberen Zeilen, die Sashimi und eingelegten Rettich versprechen. Ein alter Sushi-Meister gibt den Speisen einen letzten Schliff, vorher werden die Zutaten von seinen beiden Assistenten zubereitet. Auf winzigstem Raum finden sich ein Grill, einige Kochplatten mit Töpfen und Pfannen darauf und ein Gaskocher, der unaufhörlich Flammen speit. Wie in einem perfekt zusammengespielten Orchester klappern und klirren die Pfannen im Tempo der geschickten Hände, die Zutaten ändern mal ihrer Farbe und dann wieder ihre Form. Es dauert nicht lange und vor mir steht eine Auswahl an ausgezeichnetem Sashimi. Da ich die einzige nicht Japanerin im Lokal bin, bekomme ich einen überraschenden Besuch. Die alte Besitzerin höchstpersönlich legt ein Schälchen mit mariniertem Retting (daikon) auf meinen Tisch. Mein Blick will sich nicht von ihren hundertjährigen Händen losreissen: wird sie auch bald zu einer Schildkröte? Fröhlich redet die alte Frau auf mich ein, leider verstehe ich aus ihrem Osaka Dialekt nur einzelne Wörter heraus und kann mit ein paar Floskeln mehr schlecht als recht antworten. Ein junger Koch eilt uns zur Hilfe, sein Smartphone (samato) mit Übersetzung soll es richten. Aber sie will nicht schreiben oder lesen, steht bei mir, lächelt und redet weiter. Es könnten Zaubersprüche sein, ich würde es nicht merken. Sie muss schon sehr lange leben, denn beim Abschied verneigen sich die Gäste vor ihr bis zum Fussboden und rattern ausgefallene Dankessprüche, die sie mit einem Nicken erwidert. Es freut mich sehr, was ich hier sehe, auch wenn ich nicht alles begreife. An Orten wie diesen sind die Menschen mit ihrem Handwerk verwachsen und da sie es meisterhaft beherrschen, gelingt ihnen alles andere auch.
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Fortsetzung folgt