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Woher kommt unser wissen?

9. Sept.
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 12. Sept.


Dem niederländischen Philosophen Baruch Spinoza (1632-1677) wurde kein langes Leben vergönnt und doch hallen Spinozas Schriften bis heute nach. Bekannt sind seine Weisen der Wahrnehmung, die er in der "Abhandlung über die besseung des Verstandes" darlegt.


Vom Hörensagen wissen wir dass, wir geboren wurden und aus unbestimmter Erfahrung wissen wir, dass wir sterben werden. (lauten die ersten zwei Lehrsätze)


Es handelt sich um keine bahnbrechende Erkenntnis, schliesslich kommen wir seit Urzeiten durch Geburt auf die Welt und verlassen sie durch die Tür des Todes. Und doch sind wir uns der Bedeutung dieser Aussagen selten bewusst, oft verhalten wir uns gar so, als ob wir bestens über die Umstände unserer Geburt unterrichtet wären und der Tod uns nicht betrifft. Warum schreibe ich es alles? Heute beim Lesen der "Nikomachischen Ethik" von Aristoteles (der gute 2000 Jahre vor Spinoza lebte) bin ich auf Aristoteles' Formen des Wissens gestossen, die ich sehr intereressant fand und kurz erläutern möchte.

Die erste Form ist die theoretische (etwa die Wahrheiten der Mathematik oder Philosophie), dann folgt die praktische Form (Ökonomie oder Politik) und schliesslich das produktive Wissen (etwa Medizin oder sonstiges Handwerk). Jede Art vom Wissen hat also eine bestimmte Form, in welcher sie uns zugänglich ist. Mein Fokus liegt natürlich auf dem produktiven Wissen, in diesem Fall Handwerk oder Yoga.

Nehmen wir als Beispiel Yoga, es ist etwas anschaulicher. Wie weiss ich, was ich weiss? Einerseits durch die erlernte Theorie, anderseits durch langjährige Praxis, die ihrerseits im Körper verankert ist. Ein durchschnittlich begabter Mensch braucht 10'000 Arbeitsstunden, bis er ein Handwerk beherrscht, schreibt R. Sennett. Über den Daumen gerechnet habe ich im Laufe der (fast drei) Jahrzehnte wohl um die 20'000 Yogastunden auf der Matte (!) absolviert, dazu kommen jährlich mehrere tausend Stunden sonstiger Sport wie Rennen oder Schwimmen und Meditation. Es ist so viel, dass man es sich gar nicht am Stück vorstellen kann. Genauso wie die Stunden, die wir beim Schlafen, Essen, Wohnung putzen oder in der Arbeit verbringen. Aber zurück zum Yoga: beim Üben muss ich beide Aspekte des Wissens verbinden: die erlernte Theorie, wie eine Übung korrekt sein soll + die eigene Bemühung (indem ich meinen Körper in die gewünschte Form bringe). Ohne das theoretische Wissen würde ich einfach unkoordinierte Bewegungen machen, die keinerlei Wirkung hätten (ausser zufällige natürlich). Nur mit der Theorie würde ich auf dem Sofa sitzen und schlaue Bücher lesen aber ich hätte keinerlei Bezug zu dem, was ich lese.

Das Wissen entfaltet seine Kraft und Wirkung in der praktischen Umsetzung des gelesenen / gelernten. Erst dann sehe ich auch, ob ich etwas richtig verstanden habe und ob die Übung ihre Wirkung vorhanden. Dies hat übrigens schon Kant bemerkt, als er sagte, dass Anschauungen ohne Begriffe blind sind und Begriffe ohne Anschauungen leer. Im Leben braucht es beides; Denken und praktisches Handeln (sinnliche Erfahrung). Wir mögen es zwar auf die Welt ohne eigenes Zutun schaffen und nur vom Hörensagen wissen, wie es bei unserer Geburt war. Aber durch das Leben kommen wir nur, wenn wir sowohl Theorie als auch Praxis beherrschen. Spinoza hat es richtig beobachtet, dass Wissen nur solange da ist, wie wir leben. Das Durchschreiten der Schwelle am Ende des Lebens ist wieder nur eine unbestimmte Erfahrung, die sich nicht vollständig erleben und reflektieren lässt, wir wissen nicht, wie es ist, tot zu sein. Umso mehr sollten wir uns bemühen zu wissen, wie es ist, lebendig zu sein, Dinge erleben zu dürfen und sich darüber freuen. In diesem Sinne wünsche ich euch viele schöne Erlebnisse an dem, was ihr gerade zu erlernen versucht, sei es Yoga oder ein Handwerk.


Meine wöchentliche Yogalektion findet jeden Freitag um 8 Uhr in Zürich statt, hier Infos.

 
 
 

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