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Zwischen Ah- & Un-

  • 5. Juni
  • 8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 25. Juni


Eine harte Landung


Selten lernt man sich so gut kennen, wie wenn man an seine Grenzen kommt. Dies sowohl im positiven, als auch im negativen Sinne. Der Mensch liebt es, sich auszudehnen, eine Steigerung vom Genuss (visuell, geschmacklich etc.) geht oft mit überschwänglichen Adjektiven einher. Etwas schmeckt ungewöhnlich oder ausgezeichnet gut, ein Anblick ist wundervoll, prächtig und überwältigend … Das (passive?) Aufnehmen positiver Erlebnisse scheint ohne grössere Widerstände zu gelingen und ist von Attributen begleitet, die dem positiven Erlebnis geradezu entgegenkommen. Stossen wir hingegen auf Probleme und Hürden, sind wir sprachlich zurückhaltend bis ablehnend. Oft braucht es eine (aktive?) Einschätzung der Situation, um eine Lösung zu finden, was Energie kostet. Der Mensch würde sich am liebsten in sein Schneckenhäuschen zurückziehen und abwarten, bis der Sturm vorbeizieht. Reist man alleine, muss man sich auch den schwierigen Situationen stellen, ein bisschen wie bei einer Prüfung, wenn wir nicht kneifen können. Und dann sind noch Erlebnisse und Zustände da, die einfach auf einen zukommen, ohne, dass man sie verursacht oder gesucht hätte. Das sind z.B. Schmerzen, Unwohlsein oder eine Stimmung, die urplötzlich aufkommt.

 

Heute, als ich an einem Tempel im Minoh-Park (unweit von Osaka) vorbeiging, sind mir zwei Statuen aufgefallen, über die ich neulich gelesen habe (siehe Buch «Wa» von Kenya Hara). Am Eingang der Shinto-Schreine stehen oft zwei steinerne Wachhunde (jap. Komainu), von denen jeder einen anderen Gesichtsausdruck hat, so Hara. Der Hund links hat den Mund geschlossen, da er einatmet (Un-Atem). Der andere Hund (rechts) hat den Mund leicht geöffnet, da er ausatmet (Ah-Atem). Das interessante ist, schreibt Hara, dass dies simultan geschehen soll und ebenfalls eine Art von Ausdruck / Reaktion ist. Das eine (Un) kann nicht ohne das andere (Ah) sein, beide sind neutral und können je nach Kontext so oder so interpretiert werden. Bezogen auf die obigen positiven und negativen Erlebnisse würde dies bedeuten, dass wir das Positive vielleicht weniger überschwänglich und das Negative mit weniger Widerstand aufnehmen sollten. Diese Einstellung ändert einerseits, wie wir Dinge und Situationen handhaben, anderseits verändert sich dabei unsere innere Kraft und wir reagieren ausgeglichener, ruhiger. Etwas Ähnliches habe ich auch im Buch Zen-Geist Anfänger-Geist von S. Suzuki gelesen: Wir sollen alles mit gleicher Einstellung annehmen, die Probleme muss man auch gerne lösen wollen. Dann sind es keine Stresssituationen mehr, vor denen wir uns verschliessen, sondern wir gehen auf diese aktiv zu.


Eingang zum Shinto-Schrein mit zwei Wachhunden (links Un-, rechts Ah-Atem)
Eingang zum Shinto-Schrein mit zwei Wachhunden (links Un-, rechts Ah-Atem)

Und so versuche ich das, was mir nicht leicht fällt mit ein bisschen weniger Widerwillen anzugehen. Der starke Jetlag, der mich während der ersten Tage regelrecht quälte, versuchte ich - so gut ich konnte - produktiv zu nutzen (und in der Tat, die Nacht inspiriert uns zu anderen Gedanken als der Tag). Belohnt wurde ich mit einem Sonnenaufgang (Titelbild), den ich sonst wohl verschlafen hätte. Auch das Nicht-Verstehen versuche ich sportlich zu nehmen, suche in Gesten und Mimik nach mehr Information. Heute beim Wandern musste ich wegen Bauarbeiten einen steilen Umweg nehmen, das Erklimmen von über 400 Treppen brachte meinen Puls hoch und es war wie eine kleine Joggingrunde. Und wie zur Belohnung begegnete ich einem Park-Mitarbeiter mit einer weissen Eule auf dem Arm!

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Heute Nara besucht, eine alte Hauptstadt (8. Jh.) Japans berühmt für ihre Tempeln, Nationalmuseum und Nationalschatz (Buddhastatuen, Textilien, Objekte aus Bronze usw.). Die überall - aber wirklich überall - herumlaufenden Sika-Hirsche verursachen mancherorts Stau und ihr unberechenbares Verhalten erschreckt viele. Es ist eine sonderbare Koexistenz in Nara: Shinto-Schreine (bewohnt von Geistern), riesige Tempelanlagen mit vergoldeten Buddhastatuen, abertausende Sika-Hirsche, ebensoviele Touristen und dann natürlich die Einheimischen, die dem Ansturm mal gelassen, mal genervt konsequent auf Japanisch trotzen. Das Städtchen fühlt sich wie ein Segelboot an, das von verschiedenen Winden und Elemntenten getragen wird. Man kommt wie ein anderer Mensch zurück, das nennt sich transzendente Erfahrung! Vielleicht ist es das Betrachten und zu verstehen versuchen der Artefakte aus anderen Kontinenten, Zeiten und Kulturen (Nara war ein wahrer Schmelztiegel, hier waren bereits im 8. Jh. Einflüsse aus Indien, China und Korea gang und gäbe). Auch die für uns fast schon unwirkliche Präzision, mit der Holz geschnitzt, bemalt und Objekte geformt wurden, ist verblüffend. Und da fiel mir ein: unser westlicher Glaube an den technischen Fortschritt wird gerne auf alles andere ausgedehnt aber so ist dem nicht. Nur weil die Technik immer präziser wird (was auch immer das heissen mag), bedeutet es nicht, dass unser menschliches Handwerkliches, Küntlerisches oder sonstiges Können ebenfalls von dieser Veränderung profitiert. Oft ist sogar das Gegenteil der Fall.


Der imposante Todai-ji Tempel (erbaut um das Jahr 738)
Der imposante Todai-ji Tempel (erbaut um das Jahr 738)

Das Essen ist ebenfalls ein Erlebnis für sich, heute konnte ich glücklicherweise in einem kleinen Familienbetrieb mittagessen. Das Buffet bestand aus vielen Sorten fermentiertes oder eingelegtes Gemüse (pickels, kimchi und natürlich ein Onsen-Ei), dazu ein ausgezeichneter Hojicha-Tee und eine Schale Reis. Die Miso Suppe war eine Überraschung: in einer Hülle aus feinem Waffel-Teig versteckten sich Algen, Miso und ein bisschen Tofu. Beim Aufgiessen mit heissem Wasser löste sich die Hülle auf und voilà: schon war die Miso Suppe fertig!

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Philosophie fürs Museum


Wahrscheinlich fragt ihr euch, ob ich denn auch japanische Philosophie kennengelernt habe. Bereits vorher habe ich einige Schriften von Kitaro Nishida und D.T. Suzuki gelesen, beide Autoren sind in Europa sehr bekannt, insbesondere in Deutschland und der Schweiz. Kitaro Nishida ist sogar ein ganzes Museum gewidmet, es ist wohl das einzige Philosophiemuseum weit und breit. Und das D.T. Suzuki Museum in Kanazawa ist ohnehin weltberühmt.

Meine kleine Expedition begann im Kitaro Nishida Museum unweit von Kanazawa. Am einfachsten gelangt man hin über den Bahnhof in Unoke. Zu meiner Überraschung war das Städtchen Unoke wie ausgestorben, die 15 Minuten, die ich zu Fuss zum Museum zurücklegen musste, fühlten sich wie eine halbe Ewigkeit an. Die Häuser schienen verlassen, mit staubigen Fenstern und herabhängenden Vorhängen, auf den Vorplätzen wuchs aus den Spalten Gras, was die Ortschaft geradezu geisterhaft aussehen liess. Mit einem mulmigen Gefühl schritt ich energisch voran, einzig die hochpolierten Autos, die überall geparkt waren, deuteten daruf hin, dass hier irgendwo wahrscheinlich Menschen sein müssten. Endlich im Museum angekommen, wurde ich von einer geradezu sozialistischen Architektur, wie ich sie aus meiner Kindheih in der ehem. Tschechoslowakei kenne, begrüsst. Das Museum ist nicht schön, sogar auch dann nicht, wenn man sich daran zu gewöhnen versucht.

Nichts desto trotz freute ich mich auf die Ausstellung, schliesslich gilt Nishida als Vordenker des Konzepts von 'Nichts', das er aus der Zen Philosophie übernahm. Wie gross war meine Enzauberung, als ich sah, dass alle Texte in der Ausstellung auf Japanisch waren! Da trat mir im wahrsten Sinne des Wortes ein Nichts - eine sprachliche Leere - entgegen! Mit Ausnahme von ein paar kurzen Beschreibungen auf English, die nicht wirklich informativ waren, waren alle Texte auf Japanisch. Das nennt sich elitärer Zugang! Die Philosophie bestätigt wieder mal alle Klischees: abgehoben, unzugänglich, unverständlich ... Ebenso fühlte sich das Museum an: die Orientierung im Gebäude war unnögig kompliziert, die Benützung zweier Lifte verstimmte einen eher man an die gewünschte Etage gelangte. Die Aussicht aus dem fünften Stockwerk wäre schön, doch die karge, von der Sonne vertrocknete Landschaft will nicht zum Denken inspirieren. Nach knapp einer Stunde machte ich mich auf den Weg zurück zum Bahnhof Unoke . . . nichts als weg von hier.



In Kanazawa angekommen, besuchte ich direkt zum D.T. Suzuki Museum unweit des Stadtparks. Und siehe da, dieses Museum wirkt viel bodenständiger, die einzelnen Gebäude sind als ein moderner Tempel konzipiert, umgeben vom Wasser. Durch die Spiegelung und Bewegung des Elements kommt auch der Geist in Schwung, egal aus welchem Winkel man die Wasseroberfläche betrachtet, es wird einem nie langweilig. Die Ausstellung selbst ist sehr klein und enthält nur sehr wenige Exponate (oft Fotografien oder Kaligrafien, Gedichte usw.). Eine kleine Bibliothek lädt zum Verweilen ein und man vertieft sich gerne in die französisch-, englisch- oder deutschsprachigen Bücher.

Meine Texte zum Handwerk - nicht nur in Kanazawa - findet ihr unter Projekte / Japan 26


D. T. Suzuki Museum in Kanazawa
D. T. Suzuki Museum in Kanazawa

Ein paar Gedanken zum Schluss


Es gibt viele Bücher, die das eine oder andere japanische Konzept (Ikigai, Wabi Sabi, Ganbatte etc.) anpreisen und in einer für moderne Konsumgesellschaft verdauliche Form zu quetschen versuchen. Und nicht alle diese Bücher sind oberflächlich oder schlecht, es gibt gewiss ein paar gute darunter. Aber so einfach, sprich glatt und ohne Widerstand sind diese Konzepte nicht! Ikigai bedeutet nich einfach Hingabe und Freude an einer Tätigkeit, es kann auch viel Entbehren und Einsamkeit zur Folge haben, weil man eben alles für die Arbeit opfert.

Aber was heißt es konkret, bezogen auf eine Handlung, dass dieses oder jenes Konzert zur Geltung kommt? So, wie ich es beobachtet habe, würde ich sagen: alles könnte so oder anders sein. Denn im Detail zeigt sich die Ambivalenz, Widerstand aber auch Möglichkeit. Wie wenn jedes Mal eine kleine neue Welt entsteht. Denn genau so viel Energie steckt in diesen kleinen Ideen und - ich wiederhole mich leider - Konzepten.

Warum eigentlich? Vielleicht ist es die (Arbeits)Zeit, die liebevoll in allen schönen Dingen gefaltet ist und die sich beim achtsamen Verbrauch und Gebrauch stets von neuem entfaltet. Wie bei einem Origami entdecken wir geheime Ecken, die liebevoll bis ins kleinste Detail eine versteckte Botschaft tragen, sei es beim Gebäck, Kleidung, Gegenständen. Alles, was von Menschen hergestellt wurde, trägt in sich diese Kraft und Ideenrechtum. Es ist materialisiertes Wissen in seiner Höchstform. Aber eben, sehr wohl auch mit Entbehrung, Schmerz oder Not verbunden.

Heute habe ich eine kleine Ausstellung von Issey Miyazaki besucht, dessen Kleider die allermöglisten Falten und Formen tragen. Es gab ein paar Papiermodelle, die man in die Hand nehmen durfte. Ein so kunstvoll gefaltetes Stück Blatt hält man selten in der Hand! Und nein, nicht von der KI gemacht, sondern alles pure Handarbeit ... ist ja selbstverständlich. Beim Entfalten kann man regelrecht spüren, wie die eigene Fantasie mit-wächst! Oder ein Geschäft mit so überwältigender Auswahl an Malutensilien und Farben, dass man sich in einem Museumsarchiv wähnt! Der Ort heisst übrigens Pigment (im Süden Tokyos).



Diese Liebe zum Detail, das Suchen und Finden neuer Ausdrucksformen findet sich bereits bei den Staatuen und Bildern in Nara, später bei Hokusai, dem ersten Manga-Meister Japans. Ganz zu schweigen von Yokais (Geister und Monster), die schon vor Jahrhunderten mit verblüffender Perfektion und Dynamik im Ausdruck gezeichnet wurden. Ein Detail (egal welcher Art), das so winzig ist, birgt stets die Möglichkeit in sich, dass alles in der Welt im Wandel begriffen ist. Ein Bonsai kann so oder anders wachsen, trozt aller kunstvollen Eingriffe.

Auch im Umgang miteinander ist es nicht anders: das Ausloten der Grenzen, sich kennenlernen und verstehen, der Einbezug von Gesten und Formeln, das alles ist wie ein unsichtbarer Mantel, der einen umgibt und gleichzeitig beschützt. Das Leben selbst wird zum Handwerkt, dass sich duch alles und alle hindurchzieht und alle Welten erfasst, nicht nur die menschliche. Es gibt unendlich viele Schreine, die auch rege besucht werden. Man wirft ein paar Münzen in die Box, verneigt sich zwei Mal und klatscht zwei Mal in die Hände (als Zeichen an die Geister, dass man hier ist). Es ist ein schönes Ritual, das einen Demut lehrt, insbesondere in einem Land, das von so vielen und starken Naturelementen geprägt ist. Kleine Kinder und ältere Menschen auf dem Land (oder in kleineren Städten) tragen eine Glocke, mit der sie sich für die Bären (diese sind aus Fleisch und Knochen versteht sich, keine Geister) bemerkbar machen. Aber auch die ganze Vegetation einschliesslich Moos, Steine und Wasser werden achtsam und respektvoll behandelt. Es ist, als ob alles um einen herum leben würde, sogar in Tokyo spürt man diese Dynamik und kann sich von ihr tragen lassen. Alles ist mit allem verbunden, das ist wahrscheinlich das wichtigste, was ich auf dieser Reise lernen durfte .



 
 
 

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