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Auf einem Blauen Pfad

  • Autorenbild: jb
    jb
  • 24. Aug. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 28. Dez. 2025


Diesjährige Bildungsreise führte mich nach Tschechien – genauer gesagt nach Mähren. Hier, unweit der slowakischen und österreichischen Grenze, eingebettet in sanfte hügelige Landschaft, liegt das Dorf Strážnice. Ein smaragdgrüner Kanal schlängelt leise durch die Ortschaft, gelegentlich fahren gar kleine Ausflugsboote darauf, was geradezu märchenhaft wirkt.


Seit über 100 Jahren wird in Strážnice die Technik des Blaudrucks gepflegt und von Generation zu Generation weitergegeben. 2018 wurde die regionale Blaudrucktechnik gar von der UNESCO als immaterielles Weltkulturerbe ausgezeichnet. Bei meinem Besuch in der Werkstatt durfte ich nicht nur zusehen, sondern selbst in die Welt des Indigofärben eintauchen. Unter Anleitung eines langjährigen Mitarbeiters durfte ich meine eigenen Stoffstücke nach der lokalen Art bedrucken.


Gedruckt wird auf weißen Baumwollstoff, der normalerweise zuvor mit Stärke behandelt wird. Dies verleiht dem Gewebe Festigkeit und die Druckpaste verteilt sich gleichmässig. Mithilfe alter Druckformen entstehen die typischen weissen Muster. Diese Technik erinnert an das bis heute in Indien praktizierte Verfahren des Stoffdrucks (bekannt auch als indiennes). Alle Formen wurden in aufwändiger und präzischer Handarbeit von einem Meister in Nord Tschechien geschnitzt, je nach Motiv verwendet er Holz oder bei feineren Mustern Metallnadeln (siehe Foto). Manche der Formen sind weit über hundert Jahre alt, die Motive reichen von Pflanzen- und Tierdarstellungen bis hin zu abstrakten Wiederholungen und dem berühmten Paisleymuster, das offensichtlich aus Indien übernommen wurde.



Paisley Form aus Metall
Paisley Form aus Metall
Paisley Abdruck auf meinem Stoff
Paisley Abdruck auf meinem Stoff
In der Werkstatt
In der Werkstatt

Wie kommen die Muster auf den Stoff? Die Formen werden vorab in eine dünne Schicht aus Druckpaste getaucht und anschliessend auf den Stoff angepresst. Die Paste lässt man ein paar Tage lang vollständig trocken, damit sie auf dem Stoff kleben bleibt. Mein weicher japanischer Baumwollstoff wurde nicht mit Stärke behandelt, was das Bedrucken etwas schwieriger macht. Beim Eintauchen in das Indigo-Bad bleiben die bedruckten Stellen ungefärbt, später wird die Paste ausgewaschen und das Weiss der Baumwolle tritt hervor. Die ganze Prozedur ist sehr komplex und langwierig, allein für die Herstellung der Paste braucht der Mitarbeiter mehr als zwei Wochen, wie er stolz erklärt. Vom Bedrucken bis zum Färben kann es also durchaus ein paar Tage dauern. 

Die Vielfalt der Formen fasziniert mich, ich habe wortwörtlich die Qual der Wahl, selten war ich so unentschlossen. Manche Muster gefallen mir sehr, andere weniger, was wohl normal ist. Da ich jedoch sowohl Holz- als auch Metallformen in diversen Motiven kombinieren möchte, ergibt sich die Auswahl allmählich von selbst, bis etwa ein Dutzend Formen auf dem Tisch liegen. 


Holzform mit Beschichtung aus Färberpaste
Holzform mit Beschichtung aus Färberpaste

Effizienz ist das Zauberwort in dieser Werkstatt. Das Bedrucken selbst gestaltet sich komplexer als gedacht, zumal ich die Muster auf dem Stoff nicht so regelmässig anordnen möchte. Doch der Mitarbeiter lässt mir nicht viel Zeit zum Nachdenken, offensichtlich hat er wenig Verständnis für mein Zögern und rät mir, den Stoff rasch und vor allem regelmässig zu bedrucken. Denn in Bälde muss er eine Exkursion aus dem lokalen Kindergarten betreuen und den kleinen Gästen ihre neugierigen Fragen beantworten. Vergnügt schauen mir die Kinder beim Hantieren mit den Holzformen zu, gelegentlich fragen sie etwas und schmunzeln über mein gebrochenes Tschechisch. Ich befolge den Rat des Mitarbeiters und bedrucke zügig meine Stoffe, was ich später jedoch bereue, schliesslich möchte ich nicht, dass meine vier wertvollen Stoffbahnen fabrikmässig bedruckt sind. Leider teile ich nicht seine Vorliebe für Symetrie und Wiederholung, was bei ihm allem Anschein nach nicht ganz ankommt. Bisweilen irritiert und genervt rät er mir von neuem, dass ich regelmässig arbeiten soll (wohl damit kein Platz verschwendet wird?) Für das Anordnen der schönen Formen und Kombinieren der Muster bräuchte ich noch mindestens eine Stunde, die ich leider nicht habe. Auch ist jede der Formen anders in der Handhabung: die kleinen lassen sich besser halten und ergeben gleichmässigere Muster als die grösseren, die ich mit beiden Händen auf den Stoff pressen muss. 


Bedruckter Stoff mit einer Jagdszene, die ins 18. Jh. reicht
Bedruckter Stoff mit einer Jagdszene, die ins 18. Jh. reicht

Nach etwas mehr als zwei Stunden bin ich fertig mit der Arbeit, nur ungern überlasse ich meine geliebten Stoffbahnen ihrem Schicksal und mache mich auf den Weg zurück nach Prag. Im Zug überlege ich noch, was ich ihm hätte sagen sollen, damit die Färbung so kommt, wie ich wünsche… und ob er auch die Stickgarne so färbt, wie ich gerne möchte ... Wohlwissend, dass ich keinen Einfluss mehr auf den Färbeprozess habe, schlafe ich ein und verfalle in einen blauen Traum. 


Als ich im Herbst die gefärbten Stoffe erhalte, bin ich angenehm überrascht, wie schön die Muster gekommen sind. Alles wurde besser als befürchtet, die Figuren, Tiere und Pflanzen machen sich gut auf dem dunkelblauen Hintergrund. Auch die unregelmässig gefärbten (jap. murakumo) Sashikofäden sind wunderschön. Da ich noch einige Cyanopypien übrig hatte, stellte ich eine Serie von 12 Blueprint Books zusammen, die es im Onlineshop gibt.



 
 
 

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