Auf einem blauen Pfad
- jb
- vor 5 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen
Meine diesjährige Bildungsreise führte mich nach Tschechien, konkret nach Mähren. Unweit der slowakischen und österreichischen Grenzen, inmitten von sanften grünen Hügeln liegt das Städtchen Strážnice. Hier wird seit über hundert Jahren in einem Familienbetrieb die Technik des Blaudrucks weitergegeben und als lokale Kulturtradition gepflegt. Seit 2018 gehört die Indigo-Werkstatt sogar zum UNESCO Weltkulturerbe. Bei meinem Besuch darf ich mich hier privat einmieten, wobei ich technisch von einem langjährigen Mitarbeiter unterstützt werde. Gedruckt wird traditionell auf weissem, mit Stärke behandeltem Baumwollstoff, die Muster und Motive werden mithilfe alter Formen auf den Stoff angebracht. Diese Technik erinnert stark an das bis heute in Indien praktizierte Verfahren des Stoffdrucks (bekannt auch als indiennes). Alle Formen wurden in aufwändiger und präzischer Handarbeit angefertigt, je nach Motiv verwendet man Holz oder bei feineren Mustern feine Metallnadeln (siehe Foto). Manche der Formen sind weit über hundert Jahre alt, die Motive reichen von Pflanzen- und Tierdarstellungen bis hin zu abstrakten Wiederholungen und dem berühmten Paisleymuster, das offensichtlich aus Indien übernommen wurde.



Wie kommen die Muster auf den Stoff? Die Formen werden vorab in eine dünne Schicht aus spezieller Paste getaucht und anschliessend auf den Stoff angepresst. Die Paste lässt man nun gut trockten, damit sie auf dem Stoff kleben bleibt. Mein weicher japanischer Baumwollstoff ist nicht mit Stärke behandelt, was das Bedrucken etwas schwieriger macht, da die Paste verläuft. Beim Eintauchen in das Indigo-Bad bleiben die bedruckten Stellen ungefärbt, später wird die Paste ausgewaschen und das Weiss der Baumwolle tritt hervor. Die ganze Prozedur ist sehr komplex und langwierig, allein für die Herstellung der Paste braucht der Mitarbeiter mehr als zwei Wochen, wie er stolz erklärt. Vom Bedrucken bis zum Färben kann es also durchaus ein paar Tage dauern.
Die Vielfalt der Formen fasziniert mich, ich habe wortwörtlich die Qual der Wahl, selten war ich so unentschlossen. Manche Muster gefallen mir sehr, andere weniger, was wohl normal ist. Da ich jedoch sowohl Holz- als auch Metallformen in diversen Motiven kombinieren möchte, ergibt sich die Auswahl allmählich von selbst, bis etwa ein Dutzend Formen auf dem Tisch liegen.

Das Bedrucken selbst gestaltet sich komplexer als gedacht, zumal ich die Muster auf dem Stoff nicht so regelmässig anordnen möchte. Doch der Mitarbeiter lässt mir nicht viel Zeit zum Spielen, offensichtlich hat er wenig Verständnis für mein Zögern und rät mir, den Stoff rasch und vor allem regelmässig zu bedrucken. Denn in bälde muss er schon eine Exkursion aus dem lokalen Kindergarten betreuen und den kleinen Gästen ihre neugierigen Fragen beantworten. Vergnügt schauen mir die Kinder beim Druck zu, gelegentlich fragen sie etwas und schmunzeln über mein gebrochenes Tschechisch. Ich befolge den Rat des Mitarbeiters und bedrucke zügig meine Stoffe, was ich später jedoch bereue, schliesslich möchte ich nicht, dass meine vier wertvollen Stoffbahnen fabrikmässig regelmässig bedruckt sind. Leider teile ich nicht seine Vorliebe für Symetrie und Wiederholung, was bei ihm allem Anschein nach auf wenig Verständnis stösst. Bisweilen irritiert und genervt rät er mir von neuem, dass ich regelmässig arbeiten soll (wohl damit kein Platz verschwendet wird?) Für das Anordnen der schönen Formen und Kombinieren der Muster bräuchte ich noch mindestens eine Stunde, die ich leider nicht habe. Auch ist jede der Formen anders in der Handhabung: die kleinen lassen sich besser halten und ergeben gleichmässigere Muster als die grösseren, die ich mit beiden Händen auf den Stoff pressen muss.

Nach etwas mehr als zwei Stunden bin ich fertig mit der Arbeit, nur ungern überlasse ich meine geliebten Stoffbahnen ihrem Schicksal und mache mich auf den Weg zurück nach Prag. Im Zug überlege ich noch, was ich ihm hätte sagen sollen, damit die Färbung so kommt, wie ich wünsche… und ob er auch die Stickgarne so färbt, wie ich gerne möchte ... Wohlwissend, dass ich keinen Einfluss mehr auf den Färbeprozess habe, schlafe ich ein und verfalle in einen blauen Traum.
Die gefärbten Stoffe gibt es im Spätherbst als Sticksets im Onlineshop :-)
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