Eine letzte Meditation
- jb
- 18. Juni
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 7. Juli

In Dostojewskijs grossem Roman Der Idiot besucht Fürst Myschkin seine entfernte Verwandte Lisaweta Jepantschina und ihre drei Töchter. Im Laufe des Gesprächs kommt der Fürst auf einen Mann zu sprechen, dessen Geschichte ihn tief beeindruckt hat. Um diese möglichst unverfälscht zu wiedergeben, zitiere ich aus dem genannten Roman:
"Aber ich möchte Ihnen lieber von einer anderen Begegnung erzählen, die ich voriges Jahr mit einem Menschen hatte. [...] Dieser Mann hatte, zusammen mit einigen anderen Menschen, das Schafott bestiegen und sein Todesurteil verlesen hören müssen: Tod durch Erschiessen für ein politisches Verbrechen. Etwa zwanzig Minuten später wurde ihnen ihre Begnadigung und die Verhängung einer milderen Strafe verkündigt; aber in den zwanzig Minuten, oder jedenfalls der Viertelstunde zwischen den beiden Urteilsverkündungen hatte er in der unbezweifelbaren Überzeugung gelebt, dass er wenige Minuten später plötzlich tot sein würde. [...]
Nun hatte er noch fünf Minuten zu leben, nicht länger. Er erzählte, dass diese fünf Minuten ihm wie eine unendlich lange Zeit vorgekommen wären, wie in unermesslicher Reichtum; er glaubte, dass er in diesen fünf Minuten noch so viele Leben durchleben würde, dass er in diesem Moment nicht an seinen letzten Augenblick zu denken brauchte und sich diese Zeit einteilen könnte: Er überschlug die Zeit für den Abschied mit Kameraden, etwa zwei Minuten, weitere zwei Minuten wollte er zum letzten Mal über sich selbst nachdenken und dann zum letzten Mal den Blick umherwandern lassen. [...] Er wünschte, so bald und so deutlich wie nur möglich sich vorzustellen, was das denn eigentlich sein: Jetzt ist er und lebt, aber bereits drei Minuten später wird er ein Etwas sein, ein Jemand oder Irgendetwas – was denn? Er glaubte, dies alles in jenen zwei Minuten entscheiden zu können! Eine Kirche war dort in der Nähe, und ihr oberer Teil mit der vergoldeten Kuppel leuchtete in der grellen Sonne. Er erinnerte sich, dass er furchtbar hartnäckig diese Kuppel und die sie umleuchtenden Strahlen fixiert hatte; er konnte den Blick nicht von den Strahlen lösen; ihm schien, dass diese Strahlen seine neue Natur wären, dass er in drei Minuten auf irgendeine Weise, irgendwie in sie eingehen würde..."
Fjodor M. Dostojewskij, Der Idiot [1868], S. 88-89, Übersetzung von Swetlana Geier
Der zu Tode Verurteilte beschreibt ganz eindrücklich seine vermeintlich letzten Minuten, wobei zwei Dinge in den Fokus rücken: das Reflektieren des [eigenen] Lebens (hier im Form des Abschiednehmens) und das Sehen, beziehungsweise Erkennen von etwas. Das erstere richtet sich an die Vergangenheit, das zweitere an die Zukunft (sofern es solch eine in diesem Fall geben kann).
Das Sehen oder Betrachten von etwas - sei es ein Objekt oder eine Landschaft - wird bekanntnlich erst dann interessant, wenn wir das Gesehene entschlüsseln und deuten können. Je mehr wir über einen Gegenstand und seine Eigenschaften wissen, umso spannender wird das Betrachten von diesem. Gleichsam einem Buch können wir darin 'lesen' und Spuren, Handgriffe oder Ideen interpretieren. Ein Objekt erscheint uns stets nur aus einer Perspektive, es ist unmöglich z.B. einen auf dem Tisch liegenden Apfel von allen Seiten gleichzeigig (vorne, hinten, unten ...) zu sehen. Zugleich rückt das ganze Objekt in unser Sehfeld, dh ich kann ein Gemälde in seinem Zentrum und zugleich in einer Ecke betrachten, strenggenommen ist keine Fläche privilegiert (auch wenn wir für gewöhlich zuerst in die Mitte einer Fläche sehen oder bei Porträts stets die Augen / das Gesicht suchen). Das Denken hingegen verläuft mehrheitlich linear, insbesondere wenn es geordnete Gedankengänge sind, in denen wir uns an vergangene Erreignisse erinnern oder uns einen Überblick über das Kommende verschaffen wollen.
Die Erzählung des Verurteilten und seine Erinnerungen an die vermeintlich letzten Minuten seines Lebens haben für mich etwas von einer Meditation. Zu Beginn überwiegt das bewusste, fokussierte Denken und Ordnen in Form des Abschiednehmens: von den Kammeraden, von sich selbst und der Welt. "...und weitere zwei Minuten wollte er zum letzen Mal über sich selbst nachdenken." Kann denn ein Mensch wirklich über sich selbst nachdenken? Wird nicht jeder Gedanke über sich selbst zwangsläufig zu einer Fortsetzung des eigenen Lebens, das auf diese Weise verlängert wird? Ganz abschliessend kann ein Mensch nicht über sich selbst nachdenken, würde ich behaupten. Doch nehmen wir an, dem Mann gelingt es und seine Gedanken kommen zur Ruhe: nach den letzten zwei Minuten schafft er es, an nichts mehr zu denken. Was danach folgt, ist das letze Betrachten, der Verurteilte lässt "seinen Blick umherwandern", er schaut ohne wirklich bewusst wahrzunehmen (im Sinne von "hier eine Person, da ein Fenster" oder dergleichen). Vielmehr lässt er gedankenlos seinen Blick umherschweifen, und wird eins mit dem Leben um sich herum, lässt Dinge passieren und greift gedanklich nicht mehr ins Geschehen ein. Diese zweite Stufe kennen wir alle, etwa wenn wir auf einem Ausflugschiff sind und die Landschaft "schwimmt" an uns vorbei. Gedankenlos verträumt lassen wir Dinge passieren und da es das Schiff ist, dass unseren Blick "zieht", wirkt dieser Vorgang ganz mühelos, so dass wir allmählich in einer Meditation (mit offenen Augen) versinken. Zwar nicht auf einem Schiff, sondern auf einem Schafott, dennoch schafft es der Verurteilte, in möglichst ruhiger Stimmung visuell von der Welt Abschied zu nehmen.
Das Sehen verwandelt sich nach und nach in einen Wunsch, mit dem Licht eins zu werden. Die im Sonnenlicht strahlende Kuppel einer Kirche zieht die gesamte letze Aufmersamkeit des Verurteilten auf sich, in seiner tiefen Versunkenheit wird er eins mit der Kuppel (bei einer Meditation spricht man von einem non-dualen Zustand, dh wenn ich nicht mehr zwischen meiner Person (ich) und dem betrachteten Objekt unterscheiden kann). Und obzwar sich unser Verurteilte mit höchst angespannter Aufmerksamkeit auf den letzen Meters seines Lebens befindet, kommt es doch anders: ein Begnadigungsurteil wird in letzer Minute vorgelesen und die Todesstrafe in eine Verbannung (Straflager in Sibirien mit anschliessender lebenslanger Ansieldung in diesen abgelegenen Gebieten) umgewandelt.
Dies ist eine wahre Geschichte, die Dostojewskij tatsächlich - so oder in leicht abgewandelter Form - selbst durchlebte. Es ist äusserst bemerkenswert, dass er für die letzen Minuten seines Lebens nicht etwa zeitgemässe religiöse oder mystische Abschiedsformen wählt, sondern sich nüchtern mithilfe einer mehrstufigen Meditation vom Leben verabschiedet. Ob er wohl gewusst hat, dass seine dreistüfige Verabschiedung vom Leben den drei Meditationsstufen entspricht, wie sie in der hinduistischen Philosophie gelehrt werden? In seinem nächsen Werk, Aufzeichnungen aus einem toten Haus, welches das Leben in der besagten Verbannung beschreibt, geht Dostojewskij nicht weiter auf diese Meditationen ein. Dafür hat es ganz vielen Textstellen, die den Umgang mit Kleidung und Textilien allgemein beschreiben. Eine Auswahl aus diesen findet ihr in meinem Blogbeitrag Textiliem im Kontext.
Und falls ihr die einzelnen Stufen der Meditation erkunden wollt, so seid ihr herzlich in meiner Yogaklasse eingeladen, die jeden Freitag um 8 Uhr in Zürich stattfindet. Alle paar Wochen meditieren wir gemeinsam und erweitern so unsere Wahrnehmung.
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