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Unverständliche Schönheit

Aktualisiert: 1. Apr.

Diesen prachtvollen Kragen habe ich jahrelang beäugelt und gehofft, dass ich es einmal schaffen würde, ihn nachzustricken. Dass mich gerade eine kleine Anleitung zum langen Nachdenken bringen würde, habe ich nicht geahnt. Aber der Reihe nach. Es handelt sich um das Design der japanischen Autorin Hitomi Shida, bekannt für ihre aufwändigen und minuziös durchdachten Kreationen. Die Anweisungen sind rein tabellarisch dargestellt und die darin enthaltenen Symbole, welche im Japanischen für Stricken verwendet werden (diese bilden eine Art graphische Darstellungen der einzelnen Griffe), sind soweit verständlich. Und dennoch… wie es sich nämlich herausgestellt hat, wird lediglich die schöne, vordere Seite symbolisch abgebildet, sprich die andere, hintere Hälfte vom Bauplan fehlt. Beziehungsweise diese ergibt sich daraus, was n i c h t dargestellt wird. In der praktischen Umsetzung bedeutet dies ein endloses hin und her: blättern, suchen, googeln, ausprobieren und wieder blättern …  Wie die einzelnen Maschen von links (der Kragen wird ja nicht im Kreis gestrickt, so, dass nur die rechte Seite genügt) gestrickt werden, tja, dass musste ich selbst mühsam herausfinden. Auch erklärt die Autorin nicht, welche Abschnitte der 187 Maschen in der Tabelle genau dargestellt werden oder was mit den Maschen bei den Übergängen passiert. Der Kragen besteht nämlich aus drei Segmenten, die übereinander liegen und optisch einen eleganten Bruch bilden. Insgesamt drei Mal in verschiedenen Stärken und Farben habe ich den Kragen angefangen, doch ich war stets mit der Dichte des Musters unzufrieden. Die japanische Art zu stricken erfordert eine sichere Hand, da die Maschen anders ‚fallen‘ und sehr viel links gestrickt wird; so bildet sich ein schöner Hintergrund für die komplexen Muster. Die rechte Masche wird häufig verschränkt gestrickt, wodurch sie kompakter und eckiger wirkt. Und dann hat es noch ganz viele kleine Tricks, bei denen die eigene Kreativität und Improvisation gefragt sind. Die Bubbles am unteren Rand werden gehäkelt, was eine kleine Balance- und Geduldsprobe bedeutet, fühlen sich doch drei Instrumente in den Händen etwas ungewohnt an. Aber wie es so schön heisst: Ende gut, alles gut :-) Irgendwann habe auch ich das Ende gesehen und der Kragen hat die gewünschte Form, Festigkeit und Grösse angenommen. Es ist wirklich ein Hingucker besonderer Art geworden, und jetzt, wo ich weiss, wie er gestrickt wird, kann ich ihn auch in anderen Farben und Materialien hervorzaubern. Wenn ich denn mal die Zeit dazu finde…



Doch was hat es mit der Anleitung an sich, frage ich mich. Warum wird nur die schöne, rechte Seite dargestellt? (in europäischen Strickbüchern ist dies nicht zwingend so). Und ganz vieles wird einfach n i c h t erklärt. Dies ist zwar nicht tragisch, solange frau auf dem richtigen Weg bleibt und keinen (und ich meine wirklich keinen!) Fehler macht. Wehe jedoch, verrutscht eine Masche oder eine der endlosen Zunahmen geht vergessen. Amen, alles aus, das Muster würde in tausend kleine chaotische Teilchen zerfallen, die eine optische Kakophonie ergäben. Dies ist doch ganz interessant, nicht? Denn auf diese Weise macht das gestrickte Objekt auch etwas (es wächst, respektive es windet und sträubt sich unter unseren Händen und wir wissen nicht genau wie). Auch zwingt uns diese Art von Anleitung ganz präsent zu sein, wie bei einer Meditation; es gibt keinen Platz für Ablenkung in Form eins Gesprächs oder Films. Zudem bleibt die (unvollständige) Tabelle nur für Eingeweihte verständlich und bereits das Entschlüsseln von dieser ist ein Kunstgriff, etwa wie beim Begreifen von Klöppeltechniken oder bei der Durchbruchstickerei. Dadurch, dass so vieles nicht einfach plump erklärt wird, sind die eigene Konzentration, Kreativität und Geschicklichkeit gefordert, was letztendlich einem selber zu Gute kommt. Ganz zu Schweigen vom Auge, dass sich an solch einer Parade weiden kann, ganz anders als an schlichten weil oft unbeholfenen Stricksachen. Gerade durch solche Anleitungen und Griffe wird die wunderschöne Komplexität des Strickens spürbar und sichtbar, zugleich überträgt sich der Mühsal der Ausführung mittels der Handgriffe auf die strickende Person, die sich in Geduld und Improvisation üben muss. Das fertige Stück gleicht eher einer erfolgreich beendeten komplexen Figur wie etwa bei Tangram oder Origami. In der Grosshirnrinde nimmt ein Bereich, dessen Neuronen zur Hand gehören, den grössten Platz ein. Unser Potential für die Nutzung, Spielraum und Lernen mittels Hände ist also immens. In diesem Sinne möchte ich euch zum Ausprobieren des einen oder anderen Strickmusters ermutigen.


Der abgebildete Kragen kann auch gekauft werden, Preis auf Anfrage. Material: Kaschmir & Merino in leuchtendem pink, als Knopf habe ich eine handgemachte Glasperle verwendet.



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