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Textilien im Kontext

Aktualisiert: vor 12 Stunden

Manche Bücher werden uns erst beim wiederholten Lesen vertraut. Es fühlt sich ein bisschen an, wie die Begegnung mit einem Menschen, den wir allmählich liebgewinnen. Ähnlich erging es mir bei den Aufzeichnungen aus einem toten Haus von F. M. Dostojewski. Es ist eine langsame, geradezu zähflüssige Lektüre, die mich an einen abgelegenen Ort entführt, da, wo Zeit und Raum eine andere Bedeutung haben.

In diesem Werk verarbeitet Dostojewski die Erinnerungen an die Jahre seiner Verbannung in Sibirien (1849-54), zu welcher er für seine antizaristische politische Gesinnung verurteilt wurde. Das triste Dasein in der kargen sibirischen Landschaft und die erbärmlichen Verhältnisse bieten zwar keine prachtvolle Kulisse für eine Romanhandlung, wie wir sie sonst aus seinen Werken kennen. Dennoch schafft es Dostojewski, das Ausser- und Innenleben der Gefangenen so spannend wiederzugeben, dass uns die Erzählung unwiderstehlich in ihren Bann zieht. Durch das gesamte Buch (es ist kein Roman) ziehen sich mehrere Handlungsstränge, welche das Zusammenleben der Verbannten, sowie die verschiedenen Tätigkeiten beschrieben: eine davon ist der Umgang mit Textilien und der Kleidung bei den Gefangenen. Diese Schilderungen verleihen dem Text eine Wärme und machen das Geschriebene geradezu greifbar. Ich habe mich entschlossen, die entsprechenden Stellen in chronologischer Reihenfolge herauszuschreiben und in diesem Blogbeitrag fortlaufend zu publizieren. Ich werde den Text wortwörtlich und ohne Kommentare wiedergeben, einzig m.E. wichtige Anmerkungen / Übersetzungen werde ich in [eckigen Klammern] ergänzen. Vielleicht ergibt sich aus diesen Textfetzen eine spannende Lektüre, die zum Nachdenken über Textilien oder gar zum Sticken inspiriert!


Fjodor M. Dostojewski (1821-1881): Aufzeichnungen aus einem toten Haus (1861-62)


„Ja, zählebig ist der Mensch! Der Mensch ist ein Geschöpf, das sich an alles gewöhnen kann, und das ist, glaube ich, seine beste Definition.“

Unterschieden wurden die einzelnen Kategorien nach der Kleidung: bei den einen war die halbe Jacke dunkelbraun und die andere Hälfte grau, genauso bei den Hosen - ein Bein war grau, das andere dunkelbraun. Einmal bei der Arbeit kam eine junge Kalátschenverkäuferin zu uns Häftlingen, musterte mich lange eindringlich und brach plötzlich in Gelächter aus. „Pfui, wie sieht das aus!“, schrie sie, „das graue Tuch hat nicht gereicht und das schwarze auch nicht!“ Es gab auch einige, bei denen die ganze Jacke aus grauem Tuch war, bloss die Ärmel waren dunkelbraun. Auch der Kopf wurde unterschiedlich rasiert: bei den einen der halbe Kopf dem Schädel entlang, bei den anderen quer zum Schädel. S. 22-23

[Kalátsch - ein beliebtes Weissbrotgebäck in Form eines an einer Seite ausgebauchten Kringels].


„Wolltest nicht Gold sticken, dann hau jetzt Steine klein.“ So etwas wurde oft gesagt, manchmal als Moralpredigt, manchmal als übliche Wendung, als Spruch, aber nie in vollem Ernst. S. 23-24


Der letzte Lumpen hatte noch seinen Preis und taugte für irgendein Geschäft. S. 32


Meine Ketten waren nicht die vorschriftsmässigen, sie bestanden aus Ringen „Feinklang“, wie die Häftlinge sie nannten. Man trug sie aussen, über der Kleidung. Die vorschriftsmässigen, der Arbeit angepassten Gefängnisketten bestanden nicht aus Ringen, sondern aus vier beinahe daumendicken Eisenstäben, die durch drei Ringe miteinander verbunden waren. Man musste sie unter den Beinkleidern tragen. Am mittleren Ring befand sich ein Riemen, der seinerseits am Gürtel über dem Hemd befestigt war. S. 41


Einige finstere Blicke hatte ich bereits aufgefangen. Andererseits strichen etliche Häftlinge um mich herum, weil sie vermuteten, ich hätte Geld mitgebracht. Sie begannen sofort zu liebedienern: unterwiesen mich, wie man die neuen Ketten trägt, verschafften mir, natürlich für Geld, einen kleinen Kasten mit Schloss für die mir zugeteilte Kleidung sowie das bisschen eigenen Wäsche, die ich ins Gefängnis mitgebracht hatte. Anderntags haben sie sie mir geklaut und vertrunken. S. 47


Viele liebten es, sich neue Sachen anzuschaffen, und zwar unbedingt zivile: irgendwelche nicht uniformartigen schwarzen Hosen, Poddjowki, Sibirki. [Poddjowka - eine Art Kaftan, tailliert, seitlich geknüpft, sie wurde gern von reichen Kaufleuten getragen. Ähnlich die Sibirka, ein kurzer, taillierter Kaftan mit Stehkragen]. Sehr beliebt waren auch Kattunhemden und Gürtel mit Messingschnallen. An Feiertagen zog man sich schön an, und der festlich Herausgeputzte spazierte dann jedenfalls durch sämtliche Kasernen, um sich aller Welt zu zeigen. Die Befriedigung des Gutgekleideten grenzte ans Kindische: überhaupt waren die Häftlinge in vieler Hinsicht wie die Kinder. Allerdings kamen alle diese schönen Sachen irgendwie plötzlich ihrem Besitzer abhanden, wurden manchmal noch am selben Abend verpfändet oder um einen Spottpreis verscherbelt. S. 66-67


Er war auffallend faul, lief herum wie ein Schmutzfink. Es sei denn, anderer gab ihm etwas Schönes zum Anziehen, manchmal sogar ein rotes Hemd, dann freute sich Sirotkin offensichtlich über das neue stück, ging durch die Kasernen und zeigte sich überall. S. 74-75


Ich legte mich auf den blanken Bretterrost, die Kleidung unterm Kopf (ein Kopfkissen hatte ich noch nicht), deckte mich mit meinem Schafspelz zu und konnte lange nicht einschlafen, obgleich ich doch ganz erschöpft war und zerschlagen von all den ungeheuerlichen und erschschreckenden Eindrücken dieses ersten Tages. Dabei hatte mein neues Leben gerade erst begonnen. Vieles stand mit noch bevor, was ich niemals gedacht hätte noch hätte vorausahnen können. S. 109-110


Ausser Ossip gab es unter denen, die mir behilflich waren, noch Suschilow. Ich habe ihn weder dazu aufgefordert noch ihn gesucht. Irgendwie hat er mich selbst gefunden und sich unter mein Kommando begeben; ich weiss nicht einmal, wann und wie es geschehen ist. Er begann für mich zu waschen. Hinter den Kasernen war eigens zu diesem Zweck eine grosse Waschgrube ausgehoben. Über dieser Grube wurde in Gefängniströgen auch die Häftlingswäsche gewaschen. Daneben erfand Suschilow selbst noch Tausende der verschiedensten Pflichten, um mir gefällig zu sein: setzte meinen Teekessel auf, eilte, allerlei Aufträge zu erledigen, machte etwas für mich ausfindig, trug meine Jacke zur Reparatur, fettete mir die Steifel viermal im Monat ein; all das machte er eifrig, geschäftig, als ob ihm Gott weiss was für Pflichten auferlegt seien - mit einem Wort, er verknüpfte sein Schicksal ganz und gar mit meinem und nahm alle meine Angelegenheiten auf sich. Nie sagte er zum Beispiel: „Sie haben soundso viel Hemden,“ oder „Ihre Jacke ist zerrissen“ und Ähnliches mehr, sondern immer: „Wir haben jetzt so viele Hemden, Unsere Jacke ist zerrissen.“ Er las mir jeden Wunsch von den Augen ab und hielt das offenbarfür die eigentliche Bestimmung seines Lebens. (S. 115)


Manchmal machten sich andere Häftlinge lustig über ihn [Suschilow], vor allem, weil er unterwegs getauscht hatte, als er mit seiner Partie nach Sibirien marschierte, getauscht gegen ein rotes Hemd und einen Silberrubel. Tauschen heisst, mit jemandem den Namen und folglich auch das Schicksal wechseln. Wie befremdlich dies auch scheinen mag, es ist doch wahr, zu meiner Zeit war es noch gang und gäbe unter den Häftlingen, die nach Sibirien verbracht wurden. Anfangs konnte ich dem absolut keinen Glauben schenken, doch schliesslich musste ich mich dem Offensichtlichen beugen.

Das [Tauschen] wird folgendermassen gemacht. Da wird zum Beispiel eine Partie Häftlinge nach Sibirien gebracht. Darunter alle möglichen: sowohl zu Katorga, als auch zu Zwangsarbeit in einer Fabrik, als auch zur Ansiedlung Verurteilte, und sie marschieren alle zusammen. Irgenwo unterwegs, sagen wir im Gouvernement Perm, verspürt einer der Verschickten den Wunsch, mit einem anderen zu tauschen. Zum Beispiel ein gewisser Michailow, als Mörder oder wegen eines anderen Kapitalverbrechens verurteilt, findet, für viele Jahre in die Katorga zu gehen sei nicht von Vorteil für ihn. Nehmen wir an, er ist ein schlauer Bursche, durchtrieben, kennt sich aus, also späht er in derselben Partie nach einem möglichst einfältigen, verschüchterten und demütigen Häftling, der eine vergelichsweise geringe Strafe erhalten hat. Schliesslich entdeckt er Suschilow. Suschilow hatte zu einem Hofgesinde hört und ist bloss zur Ansiedlung verbannt. Er marschiert bereits anderthalbtausend Werst [1 Werst = 1.0668 km] - marschiert erschöpft, müde … Michailow spricht Suschilow an, kommt ihm näher, befreundet sich sogar mit ihm, und schliesslich, auf einer Etappe, bewirtet er ihn mit Schnaps. Und schlägt ihm vor: ob er nicht tauschen möchte? Suschilow war leicht berauscht, eine schlichte Seele, voller Dankbarkeit für den ihn so freundlich behandelnden Michailow, weshalb er nicht ablehnen konnte. Sie werden sich einig. Gewissenslos macht sich Michailow die ausserordentliche Einfalt Suschilows zunutze, kauft ihm den Namen für ein rotes Hemd und einen Silberrubel ab, was er ihm gleich unter Zeugen übergibt. Am nächsten Tag ist Suschilow schon nicht mehr betrunken, aber sie geben ihm wieder Schnaps zu tringen, na ja, es sit ja auch schlecht, abzulehnen: der Silberrubel ist bereits vertrunken, das rote Hemd etwas später auch. (S. 119-120)

In diesen Tagen lief ich in meiner Hoffnungslosigkeit ziellos im Gefängnis herum oder lag auf meiner Liegestatt, liess mir von einem zuverlässigen Häftling , den mir Akim Akimytsch empfohlen hatte, aus mir zugeteiltem Gefängnisleinen Hemden nähen, natürlich gegen Bezahlung (für soundso viel Groschen pro Hemd), legte mir auf den dringlichen Rat Akim Akimytschs eine zusammenlegbare Matratze zu (aus leinen überzogenem Filz), so dünn wie ein Pfannkuchen, sowie ein mit Wolle gefülltes Kopfkissen, das mir, weil ungewohnt, schrecklich hart vorkam. Akim Akymitsch war eifrig bemüht, mich mit all diesen Dingen einzurichten, und beteiligte sich selbst daran, nähte mir eigenhändig eine Decke aus Flicken von altem Gefnägnistuch aus abgetragenen Hosen und Jacken, die ich bei anderen Häftlingen gekauft hatte. Aussortierte Gefängniskleidung überliess man dem Häftling; sie wurde sofort hier im Gefängnis vekauft, und wie abgetragen etwas auch sein mochte, es hatte dennoch Aussicht, für irgendeinen Preis abzugehen. Über all das wunderte ich mich anfangs sehr.

Doch die Wirklichkeit macht einen vollkommen anderen Eindruck als alles Wissen und Hörensagen. Hätte ich denn auch nur irgendwann früher ahnen können, dass solche Sachen, solch alte abgetragenen Kleidung auch für Sachen gehalten werden können? Und da nähte ich mir aus dieser abgetragenen Kleidung eine Decke! Es war schwierig, sich überhaupt vorzustellen, von welcher Art das Tuch war, das für Häftlingskleidung vorgesehen war. Dem Aussehen nach schien es tatsächlich dickes Uniformtuch zu sein; doch kaum war es nur etwas abgetragen, verwandelte es sich in etwas Netzartigesund zerriss empöörend schnell. (S. 128-129)


Das Thema der Erzählung war, wie er, Luka Kusmitsch, zu nichts anderem als einzig und allein seinem Vergnügen einen Major niedergemacht hatte. An ihm [Luka] war tatsächlich etwas Spitzes, Anmassendes. Er war furchtbar eitel. An diesem Abend sass er auf der Pritsche und nähte an einem Hemd. Wäsche nähen war sein Handwerk. Neben ihm sass stämmig und gross sein Pritschennachbar, der Häftling Kobylin [kobyla, russ. Stute, Kobylin; der Stute zugehörend], ein stumpfer, beschränkter Junge, aber gutmütig und warmherzig. Lutschka [Diminuitiv von Luka] zankte sich häufig mit ihm und behandelte ihn überhaupt anmassend, spöttisch und despotisch, was Kobylin in seiner Treuherzigkeit nicht immer bemerkte. Er strickte einen Wollstrumpf und hörte Lutschka gleichmütig zu. Der erzählte ziemlichh laut und deutlich. Er wollte wohl, dass alle ihn hörten, tat aber im Gegenteil so, als ob er nur Kobylin erzählte.

...

„Wassja, gib mir nen Faden; die vom Gefängnis taugen nicht."

„Sind vom Markt“, antwortete Wassja und reichte einen Faden.

„Unsre in der Nähstube sind besser. Neulich haben wir den Invaliden geschickt, bei welchem Mistweib er da wohl kauft?“, fuhr Lutschka fort und hielt die Nadel zum Einfädeln gegens Licht.

„Wohl bei der Gevatterin.“

„Bei der Gevatterin wohl.“

Ruhig ordnete er die Fäden, ruhig und lässig schob er die Beine unter sich zurecht. (S. 177-179)

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